4 min

Anstand und Abstand


Es gibt kaum etwas, das wichtiger für uns Menschen ist als soziale Beziehungen. Dennoch lügen wir uns gegenseitig an, betrügen, manipulieren, intrigieren und zerstören einander. Soziale Beziehungen sind wie die Luft zum Atmen. Doch so, wie wir unsere Umwelt und dadurch die Luft verschmutzen, so vergiften wir oft auch unser Miteinander.

Warum tun wir das?

Kontrolle ist nicht der Grund. Wenn es Kontrolle wäre, würden wir das, was uns am wichtigsten ist, schützen und bewahren, statt es zu zerstören.

Unwissenheit ist es auch nicht. Spätestens, wenn wir isoliert und ohne Halt zurückbleiben, lernen wir die fundamentale Wichtigkeit von Nähe.

Selbstzerstörung ist es nicht. Es gäbe weitaus schnellere und effizientere Wege, sich selbst zu schaden.

Vergesslichkeit spielt eine Rolle, erklärt das Phänomen aber nicht vollständig. Denn in uns existiert immer auch die Fähigkeit, uns zu erinnern.

Unsere Destruktivität entspringt wohl eher einer komplexen Mischung aus charakterlichen Schwächen und situativen Momenten. Doch so sehr es sich lohnt, diese Gründe zu ergründen, so wichtig ist es, einen Ausweg aus diesem schmerzhaften Kreislauf zu finden.

Das Fundament: Der Anstand

Zum Glück haben vorangegangene Generationen uns einen unschätzbaren Erfahrungsschatz hinterlassen. Der wertvollste Lösungsweg, der in der Menschheitsgeschichte je erzeugt wurde, heißt Anstand.

Anstand lehrt uns, mit festen Werten zu leben. Er verlangt, unsere Familie, unsere Freunde und unsere Institutionen zu respektieren – unabhängig davon, wie fehlerhaft sie sein mögen. Anstand bedeutet jedoch nicht, Fehler stillschweigend zu akzeptieren. Er fordert uns auf, Missstände mutig anzusprechen und zu protestieren.

Vor allem aber lehrt uns der Anstand eines: Es darf keine Vergebung ohne vorherige Reue geben.

Gleichzeitig schützt uns der Anstand vor Überheblichkeit. Er spiegelt uns unsere eigene Unvollkommenheit wider und zeigt uns, dass auch wir tagtäglich Fehler machen. Wenn wir selbst nicht in der Lage sind, anderen zu vergeben, wie können wir dann erwarten, dass uns vergeben wird? Doch diese Vergebung setzt zwingend voraus, dass derjenige, der den Fehler begangen hat, echte Reue zeigt. Erst wenn wir den eigenen Fehltritt aufrichtig bereuen, erlangen wir das Recht, um Vergebung zu bitten.

Wir lernen diesen Anstand von unseren Eltern, Familien, Freunden, von Seelsorgern, Politikern, Künstlern, Philosophen und den großen Persönlichkeiten der Geschichte. Die Möglichkeiten, Anstand zu lernen, sind zahlreich – doch leider gibt es in unserer Welt noch weitaus mehr Gelegenheiten, den akuten Mangel daran zu erleben. Niemand von uns ist perfekt anständig. Das Schöne am Anstand ist jedoch, dass er keine Perfektion verlangt. Er erfordert lediglich den ununterbrochenen Willen, an ihm festzuhalten, Reue zu üben und Vergebung zu suchen.

Ein persönlicher Abschied auf Zeit

Ich schreibe diese Zeilen heute aus einem konkreten, schmerzhaften Anlass. Ein Mensch, den ich seit über 20 Jahren als meinen besten Freund betrachtet habe, hat mich zutiefst enttäuscht. Aus Gründen des Anstands sehe ich mich gezwungen, ab jetzt Abstand von ihm zu nehmen – so lange, bis er Reue zeigt und um Vergebung bittet.

Ich habe in dieser Freundschaft unendlich viel gegeben und getan. Auch von ihm kam viel zurück, wenngleich in der Summe deutlich weniger. Doch das ist nebensächlich. Freundschaft ist keine Mathematik und kein Handelsgeschäft. Es geht nicht darum, Aufzurechnen oder mehr zu bekommen, als man gibt. Es geht einzig um die Bereitschaft, alles zu geben, was man kann, wenn es nötig ist.

Aus Anstandsgründen werde ich weder seine Identität noch seine konkrete Tat öffentlich nennen. Es geht hier nicht um Pranger oder Rache, sondern um die Verletzung, die mir zugefügt wurde, und das Leid, das daraus folgte. Sein Mangel an Anstand hat mich tief erschüttert.

Als fehlerhafter und sündiger Mensch, der ich selbst bin, bete ich heute zum Gott des Anstands. Ich bete darum, dass Er meinem Freund hilft, sein Fehlverhalten zu erkennen, den in mir ausgelösten Schmerz zu begreifen und den Mut aufzubringen, diese Untat aufrichtig zu bereuen und wieder gutzumachen.

Es gibt nichts wichtigeres als den Mut zum Abstand, nach dem wir deutlich genug gesprochen haben, nicht nur damit der Anstand seine Wirkung entfalten kann, sondern damit wir uns vor künftigen Verletzungen schützen. Was bleibt uns anderes übrig? Unsere Freunde zu bekämpfen, zu bestrafen, zu zerstören, zu hassen, bloß zu stellen, das alles wollen wir nicht, denn dadurch kommt es zu keiner Besserung in unserem Leben. Aber unseren Schmerz und unsere Enttäuschung darzustellen, das müssen wir, dazu verpflichtet uns der Anstand, genauso wie er uns dazu verpflichtet, nach deutlicher Darstellung, zum Selbstschutz auf Abstand zu gehen.

Wohl überlegt will jeder Eintritt in eine freundschaftliche Beziehung sein, denn nichts fordert mehr von uns in dieser Welt und zugleich kann uns auch nichts mehr bereichern. So ist es dann auch, wenn eine Freundschaft endet, viel nimmt sie uns, unser Herz bricht sie uns und so beharren wir im Anstand und in Bereitschaft zu vergeben, bis und falls Reue gezeigt wurde.