Es gibt keinen besseren Weg, Sie in meine Philosophie einzuführen, als über einen Witz, der mir besonders am Herzen liegt.
Sherlock Holmes und Dr. Watson machen einen Campingausflug. Mitten in der Nacht stößt Holmes seinen Freund Watson wach.
Holmes: „Watson, schauen Sie in den Himmel und sagen Sie mir, was Sie sehen.“
Watson: „Ich sehe Milliarden von Sternen, mein lieber Holmes.“
Holmes: „Und was schließen Sie aus diesen Sternen?“
Watson: „Nun, einiges“, sagt er und zündet sich seine Pfeife an: „Astronomisch betrachtet sehe ich, dass es Milliarden von Galaxien und Milliarden von Sternen und Planeten gibt. Horologisch folgere ich, dass es ungefähr viertel nach drei ist. Meteorologisch erwarte ich, dass das Wetter morgen schön und klar sein wird. Theologisch erkenne ich, dass Gott allmächtig ist und der Mensch, seine Schöpfung, klein und unbedeutend. Und was folgern Sie, Holmes?“
Holmes: „Watson, Sie Dummkopf. Jemand hat unser Zelt gestohlen!“
Ja, Wissen steht oft im Wege der Erkenntnis. Willkommen zu meiner Philosophie und viel Vergnügen!
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Kriegs-Referendum
Inmitten unserer Zeit, in der neue Generationen von Menschen Politik machen und neue Kriege wüten, erscheinen solche mühsam aufgebauten Verfassungsrepubliken mit demokratischen Wahlen, wie ein zerbrechliches Gefüge. Die Nachrichten sind voll von Konflikten, die Politiker mit kalter Berechnung eskalieren, während viele Völker in Angst erstarren. Seit langer Zeit denke ich nach: was könnte noch getan werden um unsere Verfassungsrepubliken zu stärken? Heute fasse ich eine neue Idee, das Kriegs-Referendum.
Dieses wäre eine Maßnahme, die nicht nur die Demokratie als solche stärken, sondern sie auch vor der Selbstzerstörung bewahren würde. Die Wahrheit, klar wie der Tag, ist diese: Nicht die Völker wollen Kriege, sondern die Eliten führen sie – im Namen der Völker, doch ohne ihre Stimme. Ein Kriegs-Referendum würde dies ändern, indem es jede Regierung einer Verfassungsrepublik zwingen würde, vor jeder kriegerischen Entscheidung das Volk zu befragen, ob es den Weg des Blutes und der Zerstörung möchte. Bereits Kant, in seinem Traktat zum ewigen Frieden, erkannte, dass Kriege nur dann erklärt werden sollten, wenn die Bürger, die ihre Last tragen, zustimmen. Warum? Weil das Volk, die Konsequenzen spürt – die gefallenen Söhne und Töchter, die wirtschaftliche Not, die verlorenen Freiheiten. Ein Kriegs-Referendum würde dies institutionalisiert umsetzen: Vor jedem militärischen Eingriff müsste die Regierung ein Referendum abhalten. Die Frage wäre schlicht: „Wollen Sie diesen Krieg gegen ... führen?“ Nur bei einer Mehrheit von 75% Prozent, um Manipulationen auszuschließen, dürfte der Staat handeln. Dieser Mechanismus ist kein pazifistischer Traum, sondern eine dialektische Notwendigkeit: Die Demokratie droht ohne solche Schutzmechanismen ansonsten zur Farce zu werden.
Das Kriegs-Referendum löst noch ein weiteres wichtiges Problem - die Entfremdung, die unsere Zeit prägt. Marx sprach davon, wie der Mensch im industriellen Zeitalter von seiner eigenen Arbeit entfremdet wird; ich sehe in heutigen Verfassungsrepubliken eine tiefere politische Entfremdung im Gange, die des Volkes von seiner Souveränität. Die Menschen wählen Repräsentanten, doch entscheiden diese über Krieg und Frieden, ohne die Menschen zu fragen. Denken wir an 2003, als Millionen gegen den Irak-Krieg protestierten, doch Bush und Blair unbeirrt handelten. Ein Kriegs-Referendum würde diese Kluft überbrücken. Es würde die Regierungen zwingen Transparenz zu schaffen, Argumente vorzulegen, das Volk zu überzeugen – das wäre ein Akt der Diskursethik. Es würde die Republik stärken, indem es sie vor imperialen Abenteuern bewahrt, die Menschenleben kosten, Ressourcen verschlingen und Freiheiten untergraben. Rousseaus Ansätze leben schließlich auch in dieser Idee: der allgemeine Wille des Volkes, nicht der von Eliten, ist der wahre Souverän. Und bei Fragen des Krieges sollten gewählte Repräsentanten nochmal den Willen des Volkes befragen müssen bzw. hätten nicht das Recht einfach selbst über diesen zu entscheiden. Die Repräsentanten sind schließlich auch geschützter, sowohl ökonomisch als auch im Sinne ihres Lebens, denn sie beschreiten ihre Existenz durch Versteuerung und gehen nicht selbst in die Kriege. Jemand könnte einwenden, Referenden seien manipulierbar oder zu langsam in Krisenzeiten. Doch ich widerspreche: in Zeiten der Digitalisierung geht das sehr zügig und jede Manipulation wird durch Bildungskampagnen und offene Debatten minimiert. In der Schweiz, wo Referenden Alltag sind, funktioniert dies. In größeren Verfassungsrepubliken werden Referenda nicht gerne umgesetzt, ich halte sie auch selbst bei den meisten Entscheidungen für nicht nötig, denn Menschen in der Politik sollte man vertrauen nachdem man sie gewählt hat, aber ich ziehe die rote Linie bei Fragen des Krieges. Die Einführung von Kriegs-Referenda würde außerdem das Volk aus seiner Passivität reißen, es zu mündigen Bürgern machen. Dies wäre ein Akt der Selbstbestimmung, der die Republik retten kann, indem es sie von innen stärkt. Tocqueville sah die Gefahr der Tyrannei der Mehrheit, doch hier wird die Mehrheit zum Schutz vor der Tyrannei der Wenigen. Und wenn das Volk einen Krieg will, dann ist es eben so, wir Menschen sind schließlich keine Schmetterlinge und in einer Demokratie zählt nun Mal der Wille des Volkes. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, das Umgekehrte wird mit der Zeit dabei rauskommen. Für meine Kinder wünsche ich mir schließlich, wie sicher die meisten Eltern, endlich eine Menschenwelt ohne Kriege. Dieses Kriegs-Referendum ist mein Plädoyer für eine lebendige demokratische Kultur in modernen Verfassungsrepubliken. Machen wir uns auch nochmal Gedanken über die Alternative? Wenn die Völker nicht darüber entscheiden ob ein Krieg geführt wird, wer entscheidet es dann?
Wann Deutschland am erfolgreichsten war.
Anstand und Wohlstand – Über das deutsche Erfolgsmodell
Deutschland war nie erfolgreicher als nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht wirtschaftlich, nicht politisch, nicht gesellschaftlich.
Diese Feststellung irritiert manche. Denn sie widerspricht der verbreiteten Erzählung, Deutschland sei stark gewesen, wenn es hart, aggressiv oder autoritär auftrat. Die Geschichte zeigt das Gegenteil.
Das eigentliche deutsche Erfolgsmodell entstand nach 1945. Es beruhte nicht auf Überheblichkeit, sondern auf Selbstbegrenzung. Nicht auf Ausgrenzung, sondern auf Ordnung. Sein Kern bestand aus einer seltenen, aber kraftvollen Verbindung: Anstand und Wohlstand.
Anstand meint dabei keine moralische Überlegenheit und keine perfekte Tugend. Er meint etwas Bodenständigeres und Anspruchsvolleres: die bewusste Entscheidung, Macht zu begrenzen, Verantwortung zu übernehmen und Menschen als Menschen ernst zu nehmen. Anstand zeigte sich im Ton, im Maß, im Respekt vor dem Anderen – und vor den Regeln, die für alle galten.
Ein entscheidender Punkt dieses Modells war: Menschen wurden als Menschen genommen. Herkunft, Religion, soziale Wurzeln oder persönliche Geschichte entschieden nicht über den Wert eines Menschen. Entscheidend war der Beitrag, den jemand leisten konnte und wollte.
Deutschland verstand sich als Leistungsgesellschaft im besten Sinne des Wortes. Jeder sollte seinen Beitrag zum Ganzen leisten. Arbeit, Verantwortung und Verlässlichkeit waren keine leeren Begriffe, sondern gelebte Erwartungen. Leistung schuf Würde, Zugehörigkeit und Anerkennung.
Gleichzeitig galt ein ebenso klarer Grundsatz: Wer nicht leisten konnte, wurde nicht zurückgelassen.
Das soziale Netz war kein Widerspruch zur Leistungsgesellschaft, sondern ihre Voraussetzung. Es diente nicht dazu, Verantwortung aufzulösen, sondern Teilhabe zu sichern. Es sollte Menschen auffangen, stabilisieren und ihnen ermöglichen, wieder mitzuwirken, sobald sie dazu in der Lage waren.
Dieser Zusammenhang ist entscheidend: Anstand bedeutete nicht Anspruchslosigkeit, sondern Fairness. Wohlstand entstand nicht durch Beliebigkeit, sondern durch klare Erwartungen, eingebettet in Solidarität.
Dieses Modell speiste sich aus christlicher Anthropologie – der Einsicht in die Fehlbarkeit und Würde des Menschen – und aus demokratischen Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Kompromissfähigkeit. Gerade weil man dem Menschen nicht blind vertraute, schuf man Regeln, die Macht banden und Chancen eröffneten.
Aus dieser Haltung erwuchs Wohlstand. Nicht trotz Anstand, sondern durch ihn. Vertrauen in Institutionen, Verlässlichkeit des Rechts, soziale Stabilität und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verstärkten sich gegenseitig.
Heute wird oft suggeriert, Anstand sei Schwäche. Moral sei Luxus. Zurückhaltung naiv. Doch diese Sicht verkennt die eigene Geschichte. Deutschland wurde nicht erfolgreich, als es alle Grenzen sprengte, sondern als es lernte, mit Grenzen verantwortungsvoll umzugehen.
Das heißt nicht, dass die Nachkriegszeit ideal war. Aber sie war geprägt von einer seltenen Einsicht: Stärke ohne Maß zerstört – Stärke mit Maß trägt. Anstand war kein moralischer Zierrat, sondern eine produktive Kraft.
Gerade in Zeiten von Verunsicherung, Polarisierung und wachsendem Extremismus lohnt es sich, daran zu erinnern. Nicht um nostalgisch zurückzublicken, sondern um Orientierung zu gewinnen. Wer Anstand gegen Wohlstand ausspielt, zerstört beides. Wer Leistung gegen Solidarität ausspielt, ebenso.
Deutschland braucht keine neue Härte. Es braucht den Mut, anständig leistungsfähig zu bleiben.
Warum ich die Nobelpreisträger lese?
Die Literatur der Vergangenheit als Chronik des gesellschaftlichen Geistes.
Es gibt Projekte, die aus einer Laune oder durch Zufall entstehen, und solche, die tiefen Notwendigkeiten folgen. Die eigene Bibliothek des Geistes zu ordnen, und ich sage zu ordnen, denn jeder Mensch legt während seines Lebens durch die Aufnahme von Informationen, durch Lebenserfahrungen und durch das Durchleben von Emotionen eine solche geistige Bibliothek an, ist eine der wichtigsten Aufgaben im Leben des glücklichen Menschen.
So wie der Körper Nahrung benötigt, so benötigt auch die Seele bzw. unser Geist Nahrung und so wie der Körper fettleibig, krank und unbeweglich werden kann durch zu viel an schlechter und ungesunder Ernährung, so kann und geschieht dies auch mit schlechter und ungesunder Seelennahrung. So wie der Körper angelegte Fettreserven verbrauchen kann, wenn Zeiten mit wenig Nahrung auf einen zukommen, so kann der Geist in einem noch größeren Umfang gespeichertes Wissen, Erfahrungen und Gefühle immer und immer wieder verzehren und sich an ihnen erfreuen Der wesentliche Unterschied jedoch besteht nicht in der Speicherfähigkeit, sondern darin, dass unsere Seelen viel hungriger als unsere Körper sind.
Es wundert daher nicht, dass wir als Menschen Gesellschaften aufgebaut haben und in diesen regelmäßigen geistigen Austausch über Worte, Musik, Theater, mit der Zeit Schrift und in unserer heutigen Zeit schon auch Videos, Filme und vieles mehr. Auf die Fülle des Angebots kommt es jedoch nicht an, weder bei guter Nahrung für den Körper und noch weniger bei guter seelischer Nahrung. Es kommt viel mehr auf die Verfeinerung unserer Genüsse und zugleich unsere eigene Mäßigung und Beruhigung an.
Bekannt ist die Idee der "taste palate" bzw. zu Deutsch "Geschmackspalette" oder einfacher gesagt der Gaumenfreunde. Wir können diese trainieren bzw. durch die langsamere und bewusste Aufnahme von Nahrung einen ausgeprägten Tastsinn entwickeln und viele von uns haben das auch schon getan und darin große Freuden gefunden. Es kommt dabei auch nicht einfach um Besuche von Sternerestaurants, wobei ich mir diese besonders gerne gönne, sondern es geht viel mehr um die Entwicklung der Fähigkeit jedes bisschen Nahrung, was wir zu uns nehmen bewusst im Geiste zu verstehen und mit Geduld zu genießen. Mit unserem Geist wird dieses Spiel noch interessanter, denn es kommt dabei auf unsere Beziehungen mit unseren Mitmenschen, unseren Vorfahren sowie unseren Kulturen, Gesellschaften und Religionen an. All das stellt Seelennahrung für uns dar und umgekehrt - wir selbst bzw. unsere eigenen Seelen sind genauso Seelennahrung für unsere Mitmenschen, unsere Nachfahren, Kulturen, Gesellschaften und Religionen.
Was ich mir tagtäglich versuche zu gönnen und zu genießen und was ich selbst versuche zu geben ist das schönste und wertvollste, was eine menschliche Seele produzieren kann - die Liebe. Und in der Ordnung meiner geistigen Bibliothek beschloss ich, dank einem Zufall bzw. einer Fügung, durch welche die vollständige Büchersammlung des Kreises der Nobelpreisfreunde in meinen Eigentum kam, jedes mit dem Nobelpreis für Literatur gekürte Werk der Autoren zu lesen. Das Nobel-Komitee versuchte anfangs das Lebenswerk von Schriftstellern zu ehren, aber sie wählten dennoch ein einzelnes Buch aus dem Opus der Schriftsteller aus und dieses wurde vom Kreis der Nobelpreisfreunde in einer schönen Auflage gedruckt. Diese Bücher, die seit 1901 erscheinen, dem Jahr in dem der erste Nobelpreis für Literatur veröffentlicht wurde, bilden eine Brücke aus Papier und Tinte, die uns alle durch die letzten 125 Jahre führen und eine wertvolle und nahrhafte Chronik des gesellschaftlichen Geistes darstellen.
Was mich an dieser speziellen Edition fasziniert, ist nicht allein das literarische Werk. Es ist das „Davor“ und das „Danach“, denn jeder Band beginnt mit einem Rückblick auf die oft schwierige und manchmal auch Thrillern-ähnelnde Entscheidungsfindung des Komitees und dem Echo, das diese in der damaligen Öffentlichkeit auslöste. Es folgt die Verleihungsrede – jener Moment, in dem die Welt versucht, das Unfassbare, die Kunst, in feierliche Worte zu fassen. Schließlich gibt ein Essay über das Leben und Werk des Autors den biografischen Resonanzboden für das Werk selbst.
Ich lese diese Bücher nicht als bloßer Konsument, sie sind nicht einfach eine weitere Art von Seelennahrung, sondern sie bilden etwas sehr feines, dass es uns ermöglicht unsere eigenen geistigen Bibliotheken zu ordnen und zugleich unseren seelischen Geschmackssinn zu veredeln.
Mein Weg durch die Sammlung begann – wie erwähnt – mit 1901: Sully Prudhomme. Er war ein Kollege, Philosoph und Dichter. Seine Tagebücher und Gedichte, die in der ersten Auflage in 1901 erschienen sind, sind das Vermächtnis eines Suchenden. Das Komitee ehrte ihn für seinen „edlen Idealismus“, doch wenn ich ihn heute lese, sehe ich einen Mann, der ahnt, dass die reine Vernunft allein die Abgründe der Seele nicht ausleuchten kann. Er war auf der Suche nach der Antwort auf die große Frage unseres Daseins, der Frage danach: was ist der Mensch? Bis zum Ende seines Lebens gab er die Suche nicht auf und es ist ein vortreffliches Erlebnis sich ihm bei dieser zu gesellen, insbesondere durch das Lesen seiner Tagebücher in denen er ehrlicher und direkter war als in manchen seiner anderen Werke und die er herausgab, als er in der Gesellschaft genug ankam und das Gefühl hatte sein Werk für die Gesellschaft mit ihnen abrunden zu können bzw. seine Kreise zu schließen.
Schon im nächsten Jahr folgte ein radikaler Bruch: 1902: Theodor Mommsen, ein Chronist der Macht. In seiner Römischen Geschichte begegnet man der Monumentalität des antiken Roms. Die Verleihungsrede feiert ihn als „größten lebenden Meister der historischen Darstellung“, doch ich fragte mich mit Dostojewski im Sinne: Ist die Geschichte wirklich nur der Triumph der Starken über die Schwachen? Sein Buch langweilte mich ab einem Moment, denn seine Begeisterung für die Macht, für die Schlachten, für den Krieg fand ich so primitiv, dass ich beschloss, nach dem ich ca. die Hälfte oder zwei Drittel des Buches gelesen habe, das Buch wieder in den Regal zurückzustellen. Wir wissen ja wie Preußen sein Ende fand und wir wissen schon länger, dass wer mit dem Schwert wedelt vom Schwert auch erschlagen wird. Eine Liebe zur Macht und zur Gewalt zu entwickeln und zu leben, das war für eine längere Zeit auf unserem Planeten fast nötig gewesen um zu überleben und es ist auch heute gut sich diese im Geiste zu vergegenwärtigen um zu erkennen, dass wir Menschen keine Schmetterlinge sind, aber unser Leben der Macht und Gewalt zu widmen bedeutet es nichts anderes als unser Leben zu verfehlen und im niederen, dunklen Abyssen unserer Seele wie Säue, die sich im Schlamm wälzen, zu verbringen.
1903 war dann mit Bjørnstjerne Bjørnson ein ehrhafter und tiefgründiger Ausgleich. Der Norweger brachte die Frische der Fjorde kombiniert mit tiefen Gegensätzen zwischen christlicher Liebe und nordischer Härte in die Sammlung. Seine Erzählungen strotzen vor moralischem Ernst und so tiefgründigen Gefühlen der Wut und der Liebe, dass ich mich immer wieder stark mitgenommen fühlte und an manchen Stellen auch Tränen vergoss. In der Biografie erfuhr ich von seinem unermüdlichen Kampf für die nationale Identität Norwegens und die Ansiedlung der christlichen Liebe in dieselbe – er brachte wie kein anderer das Kreuz in die Hände der Vikinger und versuchte und schaffte es auch viele Mitglieder einer ganzen Generation die Liebe zu lehren. Was für ein Mensch und Schriftsteller, ich war erstaunt.
1904: Frédéric Mistral & José Echegaray. Ein geteilter Preis, ein Novum. Mistral mit seinem Epos Mireille besingt die provenzalische Heimat in einer fast vergessenen Sprache und mit einer Tiefe, die der von Bjørnstjerne Bjørnson gleicht, während Echegaray in seinen Meisterdramen die spanische Leidenschaft auf die Bühne bringt. Zwei Extreme: Die Verwurzelung im Boden gegen das Feuer des Theaters, beide Bücher brachten mir in großem Umfang eine solche seelische Gaumenfreude, dass ich sie kaum aus den Händen lassen wollte. Echegaray brachte mit seinem unvergleichlichem Drama einen geistigen Kampf zwischen Miguel Servet als Gejagtem und Calvin und seinem Handlanger Walter als den Jägern dermaßen euphorisch und zugleich tiefgründig und dramatisch ins Leben und vertiefte sich dabei so meisterhaft in die Liebe, in den Hass und in die Bosheit, indem er den leiblichen Sohn des Jägers, der die Identität des Vaters nicht kennt und umgekehrt, zum geistigen Sohn des Gejagten machte, dass ich das Gefühl hatte mittendrin zu sein und die Schicksale seiner Helden zu teilen. Ein unvergängliches Werk, ebenso wie das Werk von Mistral, der mit Mireille nicht nur vom Paris-Zentralismus flüchtet und die Regionen stärken will sondern auch die Tiefen des weiblichen Herzens erforscht indem er das verliebte Mädchen, dessen Eltern den Jungen wegen dem Standesunterschied, Zukunftsperspektiven und Armut ablehnen, in ihrem Leid zwischen Herz und familiärer Pflicht zeigt und sie eine dramatische, fast mythische Pilgerreise zu einem Kloster unternehmen lässt um Antworten zu suchen.
In 1905 kam der erste mir bekannte große Meister, Henryk Sienkiewicz, der mit "Quo Vadis?" als ein Gigant der Literaturgeschichte die Nobel-Bühne betritt. Ich konnte es kaum erwarten sein Werk zu lesen, dass ich in der Jugend schon beschloss mir auszusparen für eine spätere Zeit und wie gut war diese Entscheidung. In der Einleitung wird seine „epische Kraft“ gewürdigt und sein Buch ist die ewige Konfrontation zwischen dem Geist (dem frühen Christentum) und der rohen Gewalt (Nero) – ein Thema, das sowohl Echegaray meisterhaft behandelte, als auch Dostojewski während seines gesamten Lebens bis ins Mark erschüttert hatte. Sienkiewicz zeigt uns, in dem er die großen Heiligen Apostel der christlichen Kirche aufleben und ihre Liebe mitten in Rom in einer solchen Tiefe ausleben lässt, dass das Wort auf ewig sehr viel mächtiger bleibt als das Schwert. Dieses Buch ist mit Abstand eines der besten, dass ich bisher gelesen habe und so gern hätte ich mit Sienkiewicz persönliche Zeit verbracht und philosophiert, diesem polnischen Edelmann, der vorzüglich die römische Geschichte und Kultur gekannt hat und eben auf Basis dieses Wissens seine Liebesgeschichte so meisterhaft platzieren und erzählen konnte.
1906: Giosuè Carducci. Dieser „Sänger der Nation“ aus Italien, mit dessen Oden ich die Bekanntschaft machte, stand für eine Auflehnung gegen die Dunkelheit und ein Loblied auf das Licht der Renaissance. In seinem Werk ist der Stolz eines Geistes zu spüren, der sich weigert, vor dem Unvermeidlichen zu knien und so sehr dachte ich während ich seine Zeilen las an die Tatsache, dass die Renaissance, genau wie der Kommunismus später, nie ein global gelebtes Phänomen wurde und nie alle Kulturen auf der Welt in gleicher Intensität traf. Der sog. globale Osten kennt keine Renaissance sowie der globale Westen den Kommunismus nicht kennt, außer in Theorie und als etwas was in der anderen Hemisphäre die Gesellschaften verändert hat. Wir brauchen solche Dichter wie Carducci wieder, aber Dichter für die Menschheit, Dichter die sich in tiefer Kenntnis unserer gespalten Welt ermutigen nicht nur zu einer Synthese aufzurufen sondern zu mehr, denn mehr ist nötig für die Entwicklungen.
1907: Rudyard Kipling. Ein weiterer Gigant, aber dieses Mal von einer gänzlich anderen Natur, ein verlorener Junge in der Welt, ein Suchender und ein Kämpfender zugleich, den ich über Mogli und das Dschungelbuch ein wenig schon aus der Kindheit kannte um während meiner Jugend bereits zu lernen, dass sich hinter ihm sehr viel mehr verbirgt. Dieser Weltreisende, war der erste Brite, der den Nobelpreis erhielt und verbrachte sein Leben in der hautnahen Erforschung vieler Kulturen, welche die Briten kolonialisierten und als ein in der Politik tatkräftig Mitwirkender Mensch und Denker, der jedoch bis an sein Lebensende viel mehr mit sich selbst und seinem eigenen Geist und ihren Tiefen beschäftigt blieb. Seine Dschungelbücher und nicht nur ein Dschungelbuch, bilden zum einen eine ganze Reihe unterschiedlicher für sich selbst stehender und fantastischer Geschichten sowie natürlich mit Mogli eine ganze Geschichtsreihe, die ich als die eigene geistige Entwicklung Kiplings betrachte. Wie Nietzsche, der es probierte in Zarathustra sein Herz in Erscheinung treten zu lassen und in seiner Biografie, im Ecce Homo, zugab selbst Zarathustra zu sein, so empfinde ich Mogli als Rudyard Kipling selbst und finde es sehr schade, dass in der breiten Öffentlichkeit diese lange und vielschichtige Geschichtsreihe über Mogli größtenteils auf eine einzelne und in vielen leider veränderte Geschichte reduziert wurde. Mogli wird z. B. sehr guter Freund mit der Schlange Ka, um nur einen der sehr vielen Details zu erwähnen. Kipling war ein Meister der Erzählung, der uns nicht nur zeigte, dass das „Gesetz der Dschungel“ überall herrscht, ob im Londoner Club oder im indischen Urwald, sondern auch, dass die Briten im Endeffekt ein Wolfsvolk waren und das bleiben.
Mein Fazit nach dem Lesen der Bücher aus den ersten sieben Jahren besteht darin, dass ich, wenn ich die Verleihungsreden dieser Jahre nebeneinanderlege, ein Muster erkenne: Das Komitee suchte nach dem „Ideal“, nach der moralischen Festigkeit in einer Welt, die bereits zu wanken begann. Von Prudhommes Innerlichkeit bis zu Kiplings imperialer Weite ist es eine Reise durch die Sehnsüchte des ausgehenden 19. Jahrhunderts und eine, in vielem ahnende, Vorbereitung auf die Schrecken des 20. Der menschliche Appetit nach Macht und Zerstörung, den wir zwar als primitiv empfinden können, und ich tue das vielleicht noch mehr als andere, hört nicht auf und darf nicht ignoriert werden. Ich erkannte mittlerweile, dass er in vielem mit seelischen Verletzungen und seelischen Erkrankungen zu tun hat und dass Menschen sich insbesondere deshalb um Macht bemühen, weil sie sich aus Machtpositionen heraus die Genesung erhoffen über die Möglichkeit eben viel Seelennahrung zu kosten und sich wieder in Ordnung zu bringen und ich hoffe in unserer heutigen Zeit werden die Fülle an Möglichkeiten, vom Fernsehen bis zur künstlichen Intelligenz großflächig diesen Hunger befriedigen können, ohne das es erneut zu großen Kriegen und Zerstörungen kommt. Ich hoffe das, aber ich glaube es immer weniger, denn wir Menschen sind nicht nur keine Schmetterlinge, wir scheinen wohl hungriger und zerstörerischer als die Dinosaurier und die Haie zusammen zu sein. Jesus Christus benannte, wie auch die Römer, unseren Durst nach Blut und Hunger nach Fleisch und während Jesus Christus sich selbst gab, sein Blut und Fleisch und dazu aufforderte dieses auf ewig, wenn es dunkel wird, wie einen Abendmahl einzunehmen, gestalteten die Römer die blutigen Spiele in den Arenas um diesen gleichen Durst und Hunger zu stillen. Zwei Methoden, zwei Antworten auf dieselbe Frage, die nicht so sehr "was ist der Mensch" lautet sondern "was ist im Menschen". Unsere heutige Zeit ist geprägt von Versuchen diese unsere Natur und diese unseren Bedürfnisse zu leugnen und das kann nicht gut ausgehen.
Ich bin dankbar viel über und von den Autoren der ersten 7 Jahre gelernt zu haben, aber noch mehr lernte ich über die Menschen, die sie auszeichneten. Nun warten die nächsten Bücher, angefangen mit Rudolf Eucken, einem weiteren Philosophen in der Nobel-Runde. Ich bin gespannt.
Der Funke einer Illusion
Es ist ein kurioser Makel unserer menschlichen Natur, dass wir unseren Augen als ehrlichen Boten vertrauen, obwohl sie in Wirklichkeit eher Geschichtenerzähler sind, die oft das, was wir sehen, nach unseren tiefsten Wünschen formen. Die alten Griechen wussten schon, dass unsere Augen uns häufig täuschen, Descartes hat dies in seinen Meditationen wieder aufgegriffen, und moderne Wissenschaftler sind sich der Unzuverlässigkeit unserer Augen – und vor allem unseres Gehirns, das interpretiert, was die Augen sehen – meist genauso bewusst wie der Tatsache, dass Wasser bei 0 °C gefriert. Und dennoch glaube ich, dass viele von uns die Macht, die Illusionen haben können, die unser Gehirn uns durch die Augen sehen lässt, stark unterschätzen und Zauberkünstlern und sonstigen Illusionisten überlassen. Illusionen können und tun dabei in unseren Seelen so mächtige Funken entzünden, dass aus diesen das Feuer unserer Schicksäle wird.
Nehmen wir meine Zeit auf den weiten Hochebenen Colorados: Ich sah einen unglaublich großen silbernen Mond – den die Wissenschaftler einen leblosen Felsbrocken nennen, der Hunderttausende Kilometer entfernt ist –, der so riesig und nah erschien, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte ihn fast mit meinem Spazierstock berühren. In meiner Jugend wurde diese Ansicht zu einer Reflexion: Wenn der Mond hier im Westen der USA sich so anfühlt, als läge er nur jenseits des nächsten Hügels, dann ist es auch nachvollziehbar, warum die Menschen in Amerika den Wunsch erhielten ihn zu erreichen.
Wir alle werden von unserer Umgebung geprägt und in den engen, bewaldeten Tälern Europas ist der Mond eine bescheidene Erscheinung, ein einfacher „Punkt am Nachthimmel“, der erst hell leuchtet, wenn er hoch und einsam steht. So nahe am Horizont sehen wir ihn praktisch nie. Der Mond ist natürlich sehr weit von unserem Planeten entfernt, und es spielt keine Rolle, von welchem Kontinent oder Land aus wir ihn betrachten – die Entfernung ist praktisch immer gleich. Und doch hängt unsere Wahrnehmung davon ab, in welcher Umgebung wir ihn sehen. In der weiten amerikanischen Westlandschaft täuscht die Größe des Landes das Gehirn dazu, den Mond als etwas Großartiges und vielleicht sogar Nützliches zu sehen. Wenn der Mond dann hinter einem himmelhohen Berg aufgeht, lässt unser Geist ihn nicht ein fernes Pünktchen bleiben sondern transformiert ihn zu einem Ziel, das wir verfolgen können. Genau da hört die „Mond-Illusion“ auf, ein bloßes Gedankenspiel zu sein, und entfacht echten menschlichen Mut.
Milutin Milanković, mein Namensvetter in Bezug auf unsere Vornamen, war ein scharfsinniger Denker, der die langsamen Tänze der Erde kartierte – ihre Neigungen und Bahndehnungen, die unsere Jahreszeiten bestimmen – und der seine Tage damit verbrachte, Zahlen auf kosmischen Skalen zu knacken, die Jahrtausende umfassen, weit über ein einzelnes Menschenleben hinaus. Doch selbst ein Genie wie er würde zustimmen, dass für jemanden, der im Staub steht, das, was sich echt anfühlt, entscheidend ist. Wenn der Mond von der felsigen Wüste in Colorado aus erreichbar scheint, dann deshalb, weil die Welt um uns herum eine Bühne schafft, die groß genug ist, um unsere Neugier zu befeuern. Es fühlt sich real an – und wird schließlich real, indem wir es zur Realität werden lassen.
Kein Wunder, dass das Kino, dieser moderne Traumweber, diese Vergrößerung so liebt. Stellen Sie sich den Jungen aus E. T. und seinen Besucher aus den Sternen vor, silhouettiert vor einem Mond, der so gewaltig erscheint, dass er für Augen der Menschen aus Europa jeder Logik widerspricht. Spielberg, dessen Name aus den zwei deutschen Wörtern „Spiel" und „Berg“ besteht, fand in Kalifornien die perfekte Kulisse für seine Aufnahme und trickste unsere Augen ein wenig aus, indem er die Kamera sehr weit entfernt positionierte und heranzoomte, um den Mond noch etwas größer wirken zu lassen – obwohl ich betonen muss, dass der Mond in meiner Erinnerung und Erfahrung in Colorado noch größer war als in Spielbergs Film. Das ist nicht der kalte, vermessene Mond des Astronomen, sondern der, der an unseren Gefühlen zerrt – der freundliche Nachbar, den wir besuchen möchten.
Montaigne fragte oft „was weiß ich?“ –, wie ich es auch tue, wenn ich vor mich hin reflektiere. Unser Gehirn, diese klugen Maschinen die Geschichten erfinden, scheint sich oft mehr um Gefühle und um das Machbare zu kümmern als um das strenge und exakte. Wir haben Raketen zu jenem leuchtenden Felsbrocken geschickt, nicht weil wir die exakte Entfernung perfekt berechnet hatten, sondern weil er von der richtigen Stelle aus nah genug zum Greifen erschien.
Watson verpasst in dem Witz mit Sherlock Holmes, den ich auf meiner Website habe, das gestohlene Zelt, weil er sich in Sternenfakten und Staunen verliert. Die kühnen Tricks unserer Augen treiben uns oft zur Ambition, aber echter Fortschritt entsteht durch das Verbinden von Blickwinkeln: die Präzision des Wissenschaftlers mit der Reichweite des Träumers, die maskuline, phallische Energie mit der femininen, erdenden Kraft und natürlich unsere östliche Vorliebe für Gefühl mit der westlichen für Fakten.
Welche fernen Träume können wir als Nächstes in gemeinsame Realitäten verwandeln, welche Illusion weben die uns alle emporhebt zu einer neuen echten Ebene in dieser unserer unergründlichen Realität?
Die Quelle(n) der Wahrheit?
Ach, wenn ich darüber nachdenke wer in unserer Welt im Zusammenhang mit der aktuellen Politik und dem gesellschaftlichen Geschehen die Wahrheit schreibt und wer Lügen erzählt, komme ich schnell zum Fazit, dass es eigentlich gar nicht so sehr um Wahrheit oder Lügen geht, sondern viel mehr um die Geschichten und die Perspektiven. Kaum eine Geschichte und Perspektive ist dabei vollständig wahrhaftig bzw. kaum eine ist komplett erlogen. Überall befindet sich, in anderen Worten, etwas wertvolles, wenn wir auf dem Weg sind, auf der Suche, nach einem Verständnis der aktuellen Politik und des aktuellen gesellschaftlichen Geschehens.
Obwohl ich mir selten die Zeit nehme um mich hierüber zu informieren, denn zu viele Informationen aus diesen Sphären unseres Lebens sind in der Tat nicht nötig, ja auch nicht erwünscht für ein glückliches und erfülltes Leben, so nutze ich diese wenige Zeit, die ich mir nehme, schon seit vielen Jahren auf ein ganz bestimmte Art und Weise bzw. ich habe, um mich zu informieren über die aktuelle Politik und das gesellschaftliche Geschehen, ein spezielles modus operandi entwickelt. Da ich diesen modus operandi sehr schätze und über ihn jeweils nicht nur eine Bereicherung erfahre, sondern mich auch befähige der aktuellen Politik und dem gesellschaftlichen Geschehen beizutragen, wollte ich diesen modus operandi zugänglich machen. Wir Menschen wollen und müssen schließlich der Gesellschaft beitragen, denn nur gemeinsam, nur zusammen, können wir in dieser gefährlichen und oft unfreundlichen Realität überleben und uns in ihr weiter behaupten.
Ich nehme, wenn ich jeweils den Hunger nach diesen Informationen erhalte, die Welt ins Visier und betrachte sie durch ein Kaleidoskop von Stimmen. Konkret schaue ich mir zum einen die Webseiten der serbischen Blätter "Politika" und "Danas" an, dann der deutschen "Spiegel" und "FAZ", der britischen "Guardian" und "BBC", der amerikanischen "CNN" und "Fox News" und schließlich der russischen "Moskovskaya Gazeta", der chinesische "People's Daily" und der indischen "Times of India", um einige zu nennen. Ohne die tüchtige Ausübung des ehrenwerten Berufs von Journalisten in politischer Position und Opposition, wären diese internationalen Wanderungen für mich gar nicht möglich. Natürlich gibt es auch unter den Journalisten allerlei Menschen, aber so ist es in jedem Beruf, wobei dieser in unserer heutigen Zeit unter großem Druck steht sich zu wandeln. Ich spreche verschiedene Sprachen, aber merke heute werden diese Webseiten alle auch zügig und automatisch in Sprachen nach Wahl übersetzt, d.h. diese Art der Wanderung auf der Suche nach Verständnis ist jedem zugänglich. Genau das ist auch die entscheidende Aufgabe guter Journalisten, nämlich die Leser sauber mit Fakten und verschiedenen Gefühlen Betroffener zu versorgen, sodass mach dem Lesen als Konsequenz ein Verständnis entstehen kann. Die Aufgabe ist es selbst unsichtbar zu bleiben, wie ein guter Schiedsrichter in einem Fußballspiel, ohne den das Spiel unmöglich ist, der aber nur dann richtig gut seine Arbeit macht, wenn er kaum auffällt. Das politische und gesellschaftliche Spiel ist kein Spiel, sondern das reale Leben, aber es hat ähnlich zu einem Spiel auch eine Struktur und eine Rollenverteilung und so vollzieht es sich zwischen den Lauten und den Leisen Mitgliedern der Gesellschaft. Die Arbeit der Journalisten besteht darin sowohl die Lauten vorzustellen und ihnen dabei auf die Finger zu schauen als auch die Leisen immer wieder etwas lauter zu machen. Natürlich geht es auch darum diejenigen ins Licht zu bringen, die im Schatten agieren, was eine enorm wichtige und oft gefährliche Arbeit darstellt, die aber gemacht werden muss, denn ohne sie ist vieles in unseren Politiken und Gesellschaften gefährdet. Wir Menschen sind eben keine Schmetterlinge.
Ich besuche natürlich auch Webseiten aus anderen Ländern manchmal, um zu lesen was dort die Journalisten schreiben und die politischen und gesellschaftlichen Akteure sagen, insbesondere wenn in diesen Ländern etwas geschah. Ich bemühe mich dabei in den meisten Ländern jeweils Stimmen der politischen Position und der Opposition wahrzunehmen.
In Bezug auf meine philosophischen und religiösen Gedanken tue ich dabei das komplette Gegenteil - wie Seneca und viele andere geraten haben und auch ich allen künftigen Denkern raten will, soll man nicht in der Menge der Autoren schwelgen, sondern in der Tiefe einiger weniger. In Bezug auf die Politik und das gesellschaftliche Geschehen jedoch tue ich, wie ich nun begann zu schildern, as Gegenteil: ich sammle nicht Tiefen, sondern Breiten.
Was sind Politik und Gesellschaft, wenn nicht ein ständiges Probieren, ein Tasten nach Wahrheit in den Schatten der Meinungen? Wir lesen über die Politik nicht, um zu wissen, was ist, sondern um zu spüren, ob das was scheint auch wahr ist – und in diesem Schauen der vielen Scheine enthüllt sich uns manchmal der Umriss des Wahren.
In der Stille meines Arbeitszimmers, rufe ich diese Seiten auf, prüfe verschiedene Perspektiven in verschiedenen Staaten und die Welt entfaltet sich vor mir wie ein Garten mit vielen Blumen, von denen jedoch nur zwei wirklich zählen: Die einen duften süß nach Liebe und Freiheit, die anderen bitter nach Angst und Macht. Früher war solch ein Zugang zu Informationen den wenigen vorbehalten – den Fürsten mit ihren Boten, den Gelehrten mit ihren Bibliotheken. Heute, durch die Magie der Maschinen, liegt dieser Zugang jedem offen, der nur die Hand ausstreckt. Und doch, wie seltsam ist es, dass so wenige danach greifen? Oder ist es das?
Betrachten wir die Seele von uns Menschen, einer wankelmütigen Kreatur. Wir könnten von der Trägheit sprechen, jener acedia, die uns in der Bequemlichkeit wiegt. Der Geist sucht den Pfad des geringsten Widerstands, wie Wasser bergab fließt. Widersprüchliche Berichte zu lesen – den Ukraine-Konflikt als Triumph in russischen Lettern, als Tragödie in westlichen und als zunehmend irrelevant und uninteressant überall sonst auf der Welt, wo man selbstverständlich mit eigenen Problemen viel mehr beschäftigt ist – erzeugt jene innere Unruhe, welche die Alten dissonantia nannten, ein Zwiespalt, der schmerzt wie ein Splitter im Fleisch. Der Mensch, faul wie er ist, meidet diese Arbeit; er wählt die sanfte Lüge der Bestätigung, den Weg des geringsten Widerstandes, auf dem jede Nachricht sein eigenes Bild poliert. Und die modernen Apparate, diese Algorithmen, die wie unsichtbare Diener arbeiten, verstärken es: Sie füttern uns mit dem, was wir lieben, bis unsere Welt schrumpft zu einem Spiegelkabinett, in dem nur das Eigene widerhallt.
Doch ist es nur Trägheit? Nein, da mischt sich auch der Stolz, jener alte Feind der Weisheit. Wir klammern uns an unsere Narrative wie an Reliquien, denn sie formen unsere Identität: "Ich bin der Liberale, der Konservative, der Patriot..." Eine fremde Sicht einzunehmen fühlt sich an wie Verrat – an sich selbst, an der Sippe.
Die Alten wussten das: Sokrates trank den Schierlingsbecher, weil er die Stadt herausforderte, ihre Blasen zu verlassen, zu durchstechen. Und heute? Manche Journalisten, die man so gar nicht nennen durfte, und oft auch die politischen Kämpfer selbst nähren leider diesen blasenartigen Tribalismus, indem sie den Anderen als Lügner brandmarken. Misstrauen blüht, wo Vertrauen und Auseinandersetzung welken sollten. Sprachen und staatliche Grenzen tun ihr Übriges; sehr viele Menschen, gefangen in ihrer Zunge, hören nur das Echo ihrer eigenen Kammer.
Aber wir wollen uns nun zu den Früchten wenden, die derjenige erntet, der durchhält und die Vielfalt wagt. Ach, welch ein Gewinn! Nicht in Gold oder Ruhm, sondern in der Erweiterung der Seele. Indem man erkennt, dass Narrative keine Ketten sind, sondern Fäden in einem Gewebe, lernt man, sie zu mitzuweben, ohne eines zu zerreißen. Man muss nicht wählen zwischen verschiedenen, entgegengesetzten Blicken, nein, man trägt sie in sich, wie ein Reisender Karten aus verschiedenen Ländern. Diese Integration – ins Bewusste, ja ins Unbewusste – ist keine Last, sondern eine Befreiung. Unser Geist, elastisch wie Quecksilber, dehnt sich aus; kognitive Dissonanz wird zum Lehrer, nicht zum Peiniger. Ich denke an Epiktet, den Sklaven-Philosophen: "Nicht die Dinge quälen uns, sondern unsere Meinungen darüber." Indem wir viele Meinungen sammeln, mildern sie die Qualen jeder einzelnen, bis wir gar keine Qualen mehr verspüren und offen für alle Meinungen sind, aber zugleich auch fähig die gefährlichen und falschen schnell und zügig zu entlarven.
Was gewinnt man also? Zuerst eine tiefere Empathie: Man versteht den Anderen nicht als Feind, sondern als Spiegel eines anderen Lichts. Dann eine schärfere Urteilskraft: Wahrheit entsteht nicht aus Monolog, sondern aus Dialog der Geister. Und schließlich Freiheit – die wahre, innere Freiheit, die keine Blase duldet und die verängstigten und auch bösen Menschen, die Blasen schmieden und festigen, ziemlich sofort enttarnt. Ich habe mich geprüft, ich habe gezweifelt und ich habe mich gewandelt in Beziehung zu mir selbst; so tue ich es auch mit der Weltpolitik. Es ist der Weg der Skeptiker, der Stoiker: Akzeptiere die Vielheit, integriere sie, und erst dann wirst du ganz. Unsere Welt da draußen ist schließlich ziemlich laut und voll von allen möglichen Stimmen, wir müssen einen Weg finden sie zu hören, zuzulassen und dies auf eine für uns bereichernde Art und Weise.
Zum Schluss: In dieser gespaltenen Epoche der politischen Welt, die wie ein zerbrochener Spiegel erscheint, erscheint der Pfad der Vielfalt der einzig sinnvolle und auch gesunde. Er heilt die Seele von der Engstirnigkeit, stärkt sie gegen Täuschung und entlarvt überall die verängstigten und die Bösen und von denen gibt es, leider, sehr viele, überall. Die Alten lehrten: Nosce te ipsum – erkenne dich selbst. Aber in unserer Zeit ergänze ich: Erkenne die Welt in ihrer Vielfalt, und du erkennst dich wahrlich. So möge dieser Text dich inspirieren; nimm ihn, lerne aus ihm, kritisiere ihn, erweitere ihn, mache ihn dein eigen.
Johannes und Paul - Demokratie zwischen Generationen
Johannes war siebenunddreißig, Ingenieur im kommunalen Versorgungsbetrieb, zuständig für Planung, Zahlen, Verantwortung. Einer von denen, über die man sagt: zuverlässig, sachlich, unauffällig anständig. Er war keiner, der laut sprach. Aber einer, der blieb, wenn es schwierig wurde.
Abends, wenn das Haus ruhiger wurde, saß er oft am Esstisch. Sein Sohn Paul, neun Jahre alt, hatte dann schon geschlafen. Manchmal hörte Johannes noch, wie er im Traum murmelte. Er stellte immer so viele Fragen und hatte zugleich ein großes Vertrauen in die Erwachsenen, dass sie alles richtig machen.
Genau diese Sicherheit war es, an die Johannes dachte.
Er wollte in den Gemeinderat.
Nicht aus Ehrgeiz.
Nicht aus Geltungssucht.
Sondern weil er seit Jahren sah, wie Entscheidungen getroffen wurden: über Schulen, Straßen, Wohnraum, Verkehr – oft ohne diejenigen, die morgens Brotdosen packten und abends Rechnungen prüften. Er sah Kurzsichtigkeit, Parteireflexe, Bequemlichkeit. Und er fragte sich, ob es nicht seine Pflicht sei, beizusteuern. Nicht zu klagen, sondern Verantwortung zu übernehmen.
Er dachte an Paul.
Immer wieder daran, wie sein Sohn ihm Fragen stellte: warum Dinge so seien, wie sie seien. Und wie selbstverständlich er davon ausging, dass Papa alles schon richtig machen würde.
Johannes wollte, dass das eines Tages stimmt.
Doch dann kam die Rechnung.
Er stellte sie nicht einmal bewusst auf. Sie stellte sich von selbst ein.
Was würde der Abteilungsleiter sagen?
Ob man ihn noch für „neutral“ hielte?
Ob man ihm zutraute, Projekte zu führen?
Ob man ihn nicht mehr einlud – nicht offiziell, sondern beiläufig?
Er kannte die Mechanismen. Keine offenen Drohungen. Nur Karrieren, die langsamer wurden. Türen, die nicht mehr ganz aufgingen.
Er hatte Verantwortung.
Er hatte Kinder.
Er hatte etwas zu verlieren.
Am nächsten Nachmittag traf er Milutin. Einen alten Freund aus Studientagen. Sie hatten sich lange nicht gesehen, aber manche Freundschaften sind so stark, man knüpft sofort an wo man sich zuletzt sah. Auch las Johannes immer wieder gerne, was Milutin geschrieben hat.
Milutin war bekannt. Politisch erfahren. Geistig sehr tief. Er war einer, der in Gremien gesessen hatte, verhandelt, gestritten, gewonnen und verloren hat. Einer, der viel hatte: Familie, vier Kinder, Anerkennung, Einfluss. Und der sich – wie er einmal gesagt hatte – auf das Böse spezialisiert hatte, philosophisch und politisch. Nicht aus Faszination, sondern aus Notwendigkeit: um das Böse in anderen zu erkennen, bevor sie es tarnen und um es in sich zu erkennen, bevor es sich ausbreitet. Er sagte oft, mit Angst fängt das Böse an.
Sie setzten sich auf eine Bank. Johannes erzählte. Von seiner Arbeit. Von den Kindern. Vom Gemeinderat. Von der Angst. Er versuchte, sie vernünftig klingen zu lassen.
Milutin hörte zu. Lange. Ohne zu unterbrechen.
Dann sagte er: „Du rechnest.“
Johannes nickte. „Ich muss.“
Milutin lächelte nicht. „Nein. Du glaubst, du musst.“
Er sah Johannes an, ruhig, fest.
„Weißt du, warum ich mich exponiert habe? Nicht, weil ich nichts hatte. Sondern weil ich alles hatte. Und dankbar war. Mut entsteht nicht aus Leere. Er entsteht aus Verantwortung.“
Johannes schwieg.
Milutin fuhr fort:
„Menschen sind gestorben für das Recht, sich einzumischen. Nicht metaphorisch. Wirklich. Damit Politik Bürgersache wird und bleibt – Sache aller Bürger. Das ist auch eine Republik - Res (Sache) publicas (Öffentlichkeit), die Politik ist Sache der Öffentlichkeit. In dem Moment, in dem ein Vater glaubt, er müsse Repressionen fürchten, weil er kandidiert, ist etwas Grundlegendes bereits korrumpiert.“
„Und wenn es passiert?“ fragte Johannes leise, „wenn sie mich bestrafen – subtil?“
Milutin’s Stimme blieb ruhig. „Dann verrät der, der bestraft. Und jeder, der das hinnimmt. Es gibt kein neutrales Terrain hier. Wer politische Teilhabe sanktioniert, spuckt auf die, die dafür gestorben sind. Und wer aus Angst verzichtet, lässt zu, dass ihr Opfer verwaltet wird – statt gelebt.“
Johannes dachte an Paul. Daran, wie er ihm einmal gesagt hatte: Man muss tun, was richtig ist, auch wenn es schwer ist.
Er dachte daran was Milutin oft gesagt und geschrieben hat "dass Kinder zuhören".
Als die beiden Freunde sich verabschiedeten, war nichts gelöst. Keine Garantie gegeben. Keine Sicherheit hergestellt.
Aber Johannes rechnete nicht mehr.
Am Abend saß er wieder am Tisch. Pauls Ranzen stand in der Ecke. Seine Zeichnung hing am Kühlschrank – ein Haus, schief, aber voller Farben.
Er schrieb seinen Namen unter die Erklärung.
Langsam. Lesbar. Seine Ehefrau Anna freute sich und unterstütze ihn. Sie war es, die ihm geraten hat Milutin aufzusuchen, als sie sah wie schwer er sich tat.
Johannes spürte immer noch Angst. Er hat aber verstanden, dass Angst kein Argument gegen Bürgerschaft ist.
Politik war keine Karriere.
Keine Bühne.
Keine Gefahr.
Sie war das, was blieb, wenn man dankbar genug war, Verantwortung nicht weiterzureichen.
Und Johannes wusste: Wenn er jetzt nicht ging, würde er eines Tages Paul erklären müssen, warum er es nicht getan hatte.
Das erschien ihm schwerer.
