Es gibt keinen besseren Weg, Sie in meine Philosophie einzuführen, als über einen Witz, der mir besonders am Herzen liegt.

Sherlock Holmes und Dr. Watson machen einen Campingausflug. Mitten in der Nacht stößt Holmes seinen Freund Watson wach.

Holmes: „Watson, schauen Sie in den Himmel und sagen Sie mir, was Sie sehen.“
Watson: „Ich sehe Milliarden von Sternen, mein lieber Holmes.“
Holmes: „Und was schließen Sie aus diesen Sternen?“
Watson: „Nun, einiges“, sagt er und zündet sich seine Pfeife an: „Astronomisch betrachtet sehe ich, dass es Milliarden von Galaxien und Milliarden von Sternen und Planeten gibt. Horologisch folgere ich, dass es ungefähr viertel nach drei ist. Meteorologisch erwarte ich, dass das Wetter morgen schön und klar sein wird. Theologisch erkenne ich, dass Gott allmächtig ist und der Mensch, seine Schöpfung, klein und unbedeutend. Und was folgern Sie, Holmes?“
Holmes: „Watson, Sie Dummkopf. Jemand hat unser Zelt gestohlen!“

Ja, Wissen steht oft im Wege der Erkenntnis. Willkommen zu meiner Philosophie und viel Vergnügen!

Neuste Inhalte

Gesunde selbstgemachte Süßigkeiten

Seit ich 40 geworden bin, denke ich zunehmend an Cornaro. Ich schrieb bereits über ihn, er lebte vor 5 Jahrhunderten in Venedig, schrieb nach seinem 90. Lebensjahr seine Essays dazu wie man 100 Jahre alt wird und bewies seine Worte indem er 102 Jahre alt wurde.

Wir leben heute in einer anderen Zeit, in der es in unserer westlichen Zivilisation Nahrung im Überfluss gibt, welche allerdings zum leider großen Teil auf unzähligen Wegen verarbeitet wird um sie haltbarer zu machen, ästhetisch attraktiver, geschmackvoller usw. usw. - aus Nahrung sind heute Nahrungsprodukte geworden und diese müssen sich im Wettbewerb behaupten...

Es fällt dies zum Glück nicht nur Philosophen auf und eine zunehmende Anzahl von Menschen dreht diesen Entwicklungen den Rücken. Besonders interessant finde ich Menschen, welche große Gärten anlegen und bewusst entscheiden nur noch das zu essen, was sie selbst zubereitet haben. Viele fangen in Städten an, kaufen sich Lebensmittel in Läden und kochen bzw. backen bzw. erzeugen sich jede Mahlzeit und mit der Zeit suchen sie dann auch einen Weg aufs Land zu ziehen, legen dort einen großen Garten an und konsumieren Essen, welches sie selbst anbauen. Manche drehen auch Videos, teilen auf diese Weise ihre Rezepte und verdienen auch zusätzliches Geld.

Es gibt einen alten chinesischen Spruch der ungefähr sagt, willst du für einen Tag glücklich sein dann organisiere eine Feier, willst du für einen Monat gücklich sein dann heirate und willst du ein Leben lang glücklich sein, dann lege einen Garten an. Ich erwähne dies, weil ein Garten gleichzeitig drei Dinge für uns macht. Er gibt uns erstens eine mit ziemlich wenig Arbeit verbundene Nahrungsquelle, denn man muss die Erde umgraben und Pflanzen setzen und dann regelmäßig gießen und ein wenig dabei die Pflanzen pflegen und das wars schon. Den Rest machen die Pflanzen selbst und man erntet einfach ihre Erträge. Zweitens lernen wir unfassbar viel im Garten, denn Pflanzen unterscheiden sich, benötigen manchmal etwas unterschiedliche Habitate, bekommen auch Krankheiten und durchlaufen oft schneller als wir Menschen den Kreislauf des Lebens, von der Geburt bis zum Tod. So wird es drittens mit dem Garten nie langweilig, sofern wir uns an diesen gewöhnen, denn der Garten braucht uns und wir brauchen den Garten. Er braucht dabei auch unsere zerstörerische und nicht nur schöpferische Energie, denn wir müssen Unkraut jäten, d.h. solche Pflanzen zerstören, die unseren Nutzpflanzen Energie rauben. Auch zerstören wir am Ende der Saison alle unseren einjährigen Pflanzen und verwandeln sie in Kompost für das nächste Jahr. Auch die mehrjährigen sind natürlich irgendwann dran, auch die Gebüsche und Fruchtbäume, alles im Garten hat sein Ende und man erlebt bzw. gestaltet dieses oft selbst mit. Ohne den Gärtner kann der Garten nicht und mit der Zeit stimmt dann auch das umgekehrte.

Im Kern kann niemand von uns ohne Gärten, denn unabhängig davon ob und wie viel Fleisch wir essen, unsere Hauptnahrung bilden Pflanzen.

Was hat das alles nun mit gesunden selbstgemachten Süßigkeiten zu tun?

Nun ja, Süßigkeiten sind heute so omnipräsent in der westlichen Welt und neben ihnen auch der zusätzliche Zucker in einer Unzahl von Nahrungsmitteln (sind diese süßer, schmecken sie besser, verkaufen sich besser), dass wir alle anfangen von diesem praktisch abhängig zu werden. Natürlich ist nahezu jede Art von Nahrung eine Art Zucker - denn was bedeutet der Begriff Zucker im Kern, wenn nicht eng konzentrierte Energie - aber zu viel von diesem macht uns fett und krank.

Süßigkeiten ganz abzustellen, das haben viele versucht, und das klappt in den allermeisten Fällen einfach nicht. Auch ich habe es versucht und bemerkte, dass dies völlig sinnlos ist. So fand ich meine Lösung in gesunden selbstgemachten Süßigkeiten. Ich beschloss keine Süßigkeiten mehr zu essen, außer solche die ich selbst mache und kann seit dem sowohl beruhigt Süßigkeiten essen als auch eine ganze Sphäre selbstgemachter Nahrung zum Teil meines Lebens machen.

Bald reift auch unsere Siam-Kürbis im Garten und ich werde den Kindern vorschlagen die berühmte Engelshaar Marmelade aus ihr zu machen.


Die 5 Finger der Langlebigkeit

Wenn ich mich in meiner Bibliothek umsehe und die Schriften der Alten durchblättere, finde ich nichts, was den Menschen so sehr umtreibt und ihm gleichzeitig so oft misslingt, wie die Regierung seines eigenen Fleisches und die eigene Langlebigkeit.

Wir verzehren uns natürlich in jeder Generation in Sorgen um das Gemeinwesen, aber eben auch um unsere Küchen und unser Bett, und oft vergeht das Leben und endet früher, als es enden musste.

Besonders gern denke ich deshalb in solchen Stunden in meiner Bibliothek an jenen wackeren Edelmann, den Venezianer Luigi Cornaro. Vor 500 Jahren hat er unsere Welt verlassen nachdem er mehr als ein Jahrhundert in ihr lebte. Solch einen Prospekt hatte er aber nicht in die Wiege gelegt bekommen, denn als er sein vierzigstes Jahr überschritten hatte, lag er siech und bettlägerig darnieder, geplagt von den Ausschweifungen mit Alkohol und Essensorgien aus der Jugend. Seine Ärzte gaben ihm kaum mehr als ein paar Monate zu leben. Und was tat er? Er beobachtete aufmerksam die Nahrung für Kranke und erfand sich selbst neu. Mit 90 Jahren schrieb er voller Zuversicht einige Essays zum Thema „Wie man 100 Jahre alt wird“, und bewies schließlich seine These.

Sein ganzes Geheimnis, so versichert er uns mit der ihm eigenen Heiterkeit, lag in der Mäßigung: „Geringe Menge, doch köstliche Güte“. Er aß gerade so viel, dass der Magen nicht klagte, aber der Hunger schwieg – zumeist ein wenig Brühe, das Gelb vom Ei und einen Schluck leichten Weines. Man könnte sagen, er aß ab seinem 40. Geburtstag nachdem er bis dahin eher fraß, wie so viele andere Menschen vor und nach ihm und auch in unserer Zeit heute. Cornaro gehört zu denjenigen, die jedoch verstanden haben, dass die Natur ein sparsamer Haushalter ist. Wer sie mit Ballast überlädt, erstickt das innere Feuer.

Das gesunde Leben, so erscheint es mir zunehmend, ist kein langes Traktat und keine Gelehrsamkeit der Fakultäten. Heute werden allerdings in penibler wissenschaftlicher Arbeit unsere Körper erforscht sowie Pflanzen und Tiere, die viel länger als wir leben in der Hoffnung unsere Leben um ein Vielfaches zu verlängern. Ich sage nicht, dass diese Forschung nicht stattfinden soll, im Gegenteil, sie soll stattfinden, aber wir brauchen für die Zwischenzeit, also bis die Forscher es geschafft haben unser Leben maßgeblich zu verlängern, eine einfache Philosophie übersetzt in Praxis, die greifbar und überschaubar ist und die wir an den fünf Fingern unserer Hand abzählen können.

Sie könnte vielleicht so lauten:

  • Der Daumen – Die Gemeinschaft: Er ist der stärkste Gliedsatz, der allen anderen gegenübersteht. Ohne ihn greift die Hand ins Leere. Er steht für unsere Freunde und Familie, Kollegen und Bekannte. Einsamkeit ist biologisch toxischer als 15 Zigaretten am Tag. Wer einsam altert, mag noch so viel Kräuter essen, er verdorrt von innen heraus.
  • Der Zeigefinger – Der Sinn: Er deutet nach vorn, zeigt auf ein Ziel, ein Werk, eine Aufgabe. Ein Mensch, der nichts mehr vorhat, legt sich hin und stirbt. Wir brauchen einen Grund, um am Morgen die Decke zurückzuschlagen.
  • Der Mittelfinger – Der Schlaf: Er ist der längste der Finger, der alles überragt und schützt. Es ist die Nacht, die den Tag erst möglich macht. Wer dem Schlaf seine Stunden stiehlt, stiehlt sie seinem eigenen Leben. Im Schweigen der Nacht repariert die Natur, was wir am Tage zerschlagen haben.
  • Der Ringfinger – Die Nahrung: Er trägt den Ring der Bindung und Verpflichtung. Hier wohnt unser Cornaro. Binde dich an die Qualität, nicht an die Masse der Nahrung. Halte den Körper wie einen Tempel rein und überlade und vergifte ihn nicht.
  • Der kleine Finger – Die Bewegung: Er mag unbedeutend scheinen, doch ohne ihn verliert die Hand ihre Balance und Eleganz. Der Leib ist für den Gang geschaffen, nicht für den Sessel. Ein wenig Mühsal, ein täglicher Gang durch die Gärten, hält die Säfte im Fluss.

Man braucht kein Philosoph zu sein, um zu begreifen, dass diese fünf Dinge zusammenwirken müssen. Wir haben uns nicht selbst geboren, haben diese Welt nicht selbst geschaffen. Manche von uns besitzen in ihr nicht (oder nicht mehr) Hände oder alle 5 Finger, aber jeder kann nachvollziehen, dass wer einen Finger verletzt, direkt die ganze Hand schwächt. Wer sie aber pflegt, wer Gemeinschaft, Sinn, Schlaf, mäßige Nahrung und Bewegung in den Gedanken hält und zu Gewohnheiten macht, der führt ein Leben, dass Gott und der Natur gefällt – ob es nun achtzig Jahre dauert oder hundert.

Wie heutiger Medienkonsum krank machen kann


Die meisten von uns wissen natürlich, dass die Medien heute nicht mehr das sind, was sie einst waren. Der Anstand vergangener Zeiten sowohl in der westlichen als auch in der östlichen Hemisphäre sowie die Ideale auf Basis von denen Journalisten einst gearbeitet und mit welchen im Sinne, sie ausgebildet wurden, sind eine ferne Erinnerung über die niemand mehr genau weiß ob Sie der Wirklichkeit entsprach oder eher nur eine ideologisierte Form von falscher Nostalgie darstellt.

Noch nicht genug von uns wissen jedoch, dass Medien nicht nur Träger von Information sind, sondern zur Architektur des kollektiven Bewusstseins maßgeblich beitragen. Und wenn wir die psychischen und sozialen Pathologien unserer Gegenwart analysieren, lässt sich unabhängig von dem Wahrheitsgehalt nostalgischer Reflektionen eine fundamentale Verschiebung der Medienwirkung im Zusammenhang mit politischen und gesellschaftlichen Themen beobachten.

Nietzsche ließ vor etwas mehr als einem Jahrhundert seinen Zarathustra sagen: "Daß jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken" sowie "von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, daß Blut Geist ist."

Neben der Tatsache, dass es heute kaum noch Anstand in der Medienlandschaft gibt, der in romantischen Reflektionen natürlich einst der conditio sine qua non für journalistische Tätigkeit war, geht es nun auch inhaltlich vordergründig längst nicht mehr um sinnvolle Diskurse und pointierte Meinungen. Es scheint in fast allen Medien eine neue Norm gebildet worden zu sein, im Rahmen von der Informationen seziert, zugespitzt und emotional aufgeladen werden, was in der Breite der Bevölkerung pathogen wirkt: Medien beginnen Menschen psychisch krank zu machen.

Der Journalismus scheint zunehmend an den Bruchlinien menschlicher Urängste und Abwehrmechanismen zu funktionieren. Er schreibt, wie Nietzsche es durch Zarathustra forderte, mit Blut, aber statt den Geist und das Ich zu stärken und rationale Diskursräume zu eröffnen, bedienen viele Medien Narrative, die zu Regressionen in paranoide und narzisstische Strukturen führen. Es wird ein permanenter Zustand des Alarms, des Ressentiments und der existenziellen Bedrohung inszeniert. Es brennen in den Gehirnen der Menschen ihre Amygdalas und ihre tiefsten emotionalen Strukturen.

Diese gezielte Affektstimulation führt bei vielen Rezipienten zu einer chronischen psychischen Überforderung – einer kollektiven Neurotisierung, die Angststörungen, Depressionen und tiefe gesellschaftliche Entfremdung nährt. Der Geist vieler verblutet...

Ich frage mich zunehmend, wie sich dies mit der Verantwortung einer freien Presse vereinbaren lässt.

Wenn das „Worüber“ und das „Wie“ der Berichterstattung die psychosomatische Integrität der Bürger zersetzt, kollabiert der demokratische Debattenraum. An seine Stelle tritt ein pathologisches Klima der Angst und Spaltung. Es scheint mir, wir müßten dringend einen neuen Rahmen setzen innerhalb von dem die Presse frei sein darf, einen Rahmen der psychische Gesundheit zusichert und zugleich die Pluralität von Meinungen zulässt. Zur Erinnerung: einst war es ja verboten zu fluchen in den Medien und das schien so selbstverständlich...

Bevor wir politisch soweit sind, lohnt es sich sowohl Lesern als auch inhaltlich Verantwortlichen in Medienorganisationen jeweils eine radikale Frage zu stellen. Wollen Sie, als Leser, dass Ihre Innenwelt verblutet wegen Nachrichten, die Sie wiederholt konsumieren und anfangen fest zu glauben, konsumieren zu müssen, dabei gibt es wirklich nur eines, dass jeder von uns wirklich muss und dies ist es zu sterben? Und aporpos Sterben, wollen Verantwortliche für die Inhalte, wenn sie dereinst am Todesbett sind und auf Ihr Lebenswerk zurückblicken – wollen Sie unsere gemeinsame Welt wirklich mit dem Bewusstsein verlassen, einer krankheitserregenden Lebenswelt mit ihren Inhalten beigetragen zu haben? Wollen diese, dass ihr bleibender Beitrag zur Conditio humana in der Unterstützung der Destabilisierung der seelischen Gesundheit von Millionen Menschen bestand?

Ich bin nachdenklich und besorgt, zugleich aber auch entspannt. Diese Dinge müssen ja noch von vielen gelernt und verstanden werden, bevor wir gesellschaftlich dazu übergehen Freiheit und Verantwortung nur noch zusammen zu denken, ja auch im wirtschaftlichen Sinne - Erhöhung der Verkaufszahlen wird ja oft als billiges Argument verwendet - als zwei Seiten einer Münze.

Die Expressdebatte

DIE EXPRESS-DEBATTE

Debattenformat für Stammtische, politische Gruppen, Vereine, Schulen und Bürgergespräche. Ich nenne sie Express-Debatte, aber wer möchte kann sie auch nach mir, als ihrem Erfinder, nennen, also die "Milutin-Debatte".

Ihr Ziel liegt darin Menschen durch gute Gründe, klare Sprache und fairen Umgang schnell komplexe Themen zu behandeln.

Es wird zwei Mal abgestimmt, vor und nach der Debatte. Vor der Debatte kann mit "Ja" oder "Nein" oder "Unentschlossen" abgestimmt werden, nach der Debatte jedoch nur mit "Ja" oder "Nein".


GRUNDIDEE

ratie ist schon lange nicht mehr nur Abstimmung. Demokratie, in unserer heutigen Zeit, basiert auf Grundrechten festgehalten in Verfassungen und sie basiert auf republikanischen Urzielen, die Politik als Sache der Öffentlichkeit zu begreifen (res - Sache; publicas - Öffentlichkeit). Die Fähigkeit, öffentlich Gründe für Meinungen auszutauschen, einander zuzuhören und der Wille die eigene Meinung durch bessere Argumente zu verändern, das sind Grundsätze eines demokratischen Lebens. Demokratie ist dabei insbesondere die Fähigkeit zu Mehrheitsentscheidungen durch Abstimmungen zu kommen ohne dass dabei die Seite, welche eine Abstimmungen verliert, von zukünftigen Abstimmungen ausgeschlossen wird. Die moderne Demokratie als System macht schließlich im Kern aus, dass alle Menschen in ihr stets dabei bleiben und nach gemeinsamen Entscheidungen, die gemeinsame Zukunft teilen, unabhängig davon wofür jeweilige Mehrheiten eintreten.

Die Express-Debatte ermöglicht es Demokratie, im wahrsten Sinne dieses Wortes, in kleinen und großen Gruppen, zu leben:

Eine Frage. Zwei Seiten. Kurze Reden. Publikum. Abstimmung vorher und nachher. Die Mehrheit gewinnt.


ABLAUF

  1. Debattenleitung

Zu Beginn wird eine Debattenleiterin oder ein Debattenleiter bestimmt.

Die Debattenleitung nimmt nicht selbst an der Debatte teil und stimmt nicht ab.

Ihre Aufgabe ist:

  • die Regeln zu erklären,
  • die Frage sauber zu formulieren,
  • auf Redezeiten zu achten,
  • Fairness zu sichern,
  • die Abstimmungen zu zählen,
  • das Ergebnis festzustellen.

Die Debattenleitung ordnet den Raum, entscheidet aber nicht inhaltlich.

2. Themenvorschläge

Alle Anwesenden können Themen für die Debatte vorschlagen.

Ein Thema muss als Frage formuliert sein, die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Beispiele:

  • Sollen Universitäten mehr öffentliche Bildungsformate anbieten?
  • Soll Stuttgart autofreie Sonntage ausprobieren?
  • Soll wirtschaftliche Bildung früher in Schulen vermittelt werden?
  • Soll es bei politischen Stammtischen regelmäßig Debatten nach festen Regeln geben?
  • usw.

Die Debattenleitung kann unklare Vorschläge sprachlich glätten.

3. Auswahl der Debattenfrage

Die Debattenleitung stellt bis zu drei geeignete Fragen zur Auswahl.

Die Anwesenden stimmen per Handzeichen ab, welche Frage debattiert wird.

Gewählt ist die Frage mit den meisten Stimmen.

4. Anfangsabstimmung

Vor Beginn der Debatte wird die gewählte Frage erstmals gestellt, z. B. soll wirtschaftliche Bildung früher in Schulen vermittelt werden?

Alle Anwesenden stimmen transparent per Handzeichen ab:

  • Ja
  • Nein
  • Unentschlossen

Die Debattenleitung notiert die Zahlen.

Eine Debatte findet statt, wenn es auf beiden Seiten eine ernsthafte Position gibt.

Richtwert: Mindestens ca. 25 Prozent der Anwesenden sollten auf der kleineren Seite stehen. Bei kleinen Gruppen genügt auch eine kleinere Minderheit, wenn zwei Personen bereit sind, diese Position fair zu vertreten.

Wenn fast alle einer Meinung sind, kann die Debatte entfallen oder die Frage neu formuliert werden.

5. Teams

Es gibt zwei Teams:

  • Team Ja
  • Team Nein

Jedes Team besteht aus zwei Personen.

Man muss nicht zwingend seine private Meinung vertreten. Es ist erlaubt, probeweise eine Position einzunehmen, um das Denken zu üben.

Wenn sich mehr als zwei Personen pro Seite melden, bestimmt die jeweilige Seite ihre zwei Rednerinnen oder Redner.

6. Eröffnungsrunde

Jede Person hält eine kurze Eröffnungsrede von maximal 2 Minuten.

Reihenfolge:

  1. Team Ja, Person 1 — 2 Minuten
  2. Team Nein, Person 1 — 2 Minuten
  3. Team Ja, Person 2 — 2 Minuten
  4. Team Nein, Person 2 — 2 Minuten

In dieser Runde gibt es keine Unterbrechungen.

7. Replikrunde

Danach folgt eine Replikrunde.

Jede Person hat maximal 1 Minute.

Reihenfolge:

  1. Team Ja, Person 1 — 1 Minute
  2. Team Nein, Person 1 — 1 Minute
  3. Team Ja, Person 2 — 1 Minute
  4. Team Nein, Person 2 — 1 Minute

In dieser Runde darf die sprechende Person freiwillig einen kurzen Hinweis aus dem Publikum zulassen. Ein solcher Hinweis darf maximal 30 Sekunden dauern und muss eine relevante Information enthalten.

Die sprechende Person muss das Wort nicht erteilen.

8. Publikumsrunde

Anschließend darf das Publikum Fragen stellen.

Dauer: maximal 10 Minuten.

Regeln:

  • Fragen aus dem Publikum dauern maximal 20 Sekunden.
  • Antworten dauern maximal 1 Minute.
  • Debattenleitung achtet darauf, dass aus Fragen keine Reden werden.
  • Wer eine lange Stellungnahme abgibt, wird freundlich gebeten, eine konkrete Frage zu formulieren.

9. Schlussrunde

Jedes Team erhält ein Schlusswort von maximal 1 Minute.

Reihenfolge:

  1. Team Ja — 1 Minute
  2. Team Nein — 1 Minute

Im Schlusswort sollen die stärksten Argumente noch einmal knapp zusammengeführt werden.

10. Schlussabstimmung

Die Debattenleitung stellt dieselbe Frage erneut.

Alle Anwesenden stimmen wieder per Handzeichen ab:

  • Ja
  • Nein

Die Mehrheit gewinnt. Festgehalten wird auch meisten Zuwachs erzielt hat, also wer den größten Resonanzerfolg hatte.


GEIST DER EXPRESS-DEBATTE

Die Express-Debatte ist kein Kampf um Demütigung des Gegners.

Sie ist ein demokratisches Spiel.

Die Grundregeln lauten:

  • fair sprechen,
  • knapp sprechen,
  • verständlich sprechen,
  • zuhören,
  • Argumente vorstellen,
  • auf Argumente der Gegenseite antworten,
  • nicht persönlich angreifen,
  • nicht entwürdigen.


LEITSATZ

kratie wird stärker, wenn Menschen lernen, öffentlich zu streiten, ohne einander zu entwürdigen. In einer Demokratie bleibt die Würde von einem jeden Menschen unantastbar.

Johann Sebastian Bach # 4 - die universelle Ordnung, Tod, Vergessenheit und Wiederauferstehung

Dies ist der vierte und abschließende Text meines philosophischen Projekts zu Johann Sebastian Bach. Nachdem wir seinen Weg von der handwerklichen Zunftstruktur der Eisenacher Kindheit über die existenziellen Wandlungen der Jugend bis zur äußeren Gestaltung der Weimarer und Köthener Jahre nachverfolgt haben, gilt es nun, den Blick auf das monumentale Finale seines Lebens zu richten. Hier, in der längsten und schmerzhaftesten Phase seines Wirkens, bricht sich eine Zäsur Bahn, die nicht nur Bachs eigene Existenz, sondern die Koordinaten der westlichen Kultur für immer verändert hat. Es ist das philosophische Projekt eines Mannes, der die Trümmer der Zeitlichkeit in eine unerschütterliche Architektur des Geistes goss – und dessen Werk für die Musikgeschichte zu dem wurde, was Sokrates für die Philosophie, Jesus für die Religion oder Newton für die Physik bedeuten: eine radikale Zeitwende, ein absoluter Nullpunkt.


Das Leipziger Spätwerk – Architektur im permanenten Ausnahmezustand

Als Johann Sebastian Bach am 22. Mai 1723 mit seiner Familie in Leipzig eintrifft, um das Amt des Thomaskantors und Director Musices anzutreten, ist er achtunddreißig Jahre alt. Er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner geistigen und handwerklichen Kräfte, doch er ist keineswegs die unumstrittene erste Wahl der Stadtväter. Erst nachdem Georg Philipp Telemann und Christoph Graupner abgesagt hatten, einigte man sich auf Bach – verbunden mit dem berühmt-berüchtigten Stoßseufzer des Ratsherrn Abraham Christoph Platz, man müsse, da man die Besten nicht bekommen könne, „also mittlere nehmen“.

In Leipzig betritt Bach die Bühne seiner anspruchsvollsten und zugleich aufreibendsten äußeren Ordnung. Siebenundzwanzig Jahre lang, bis zu seinem Tod am 28. Juli 1750, wird er in der Dienstwohnung im südlichen Flügel der Alten Thomasschule leben. Es ist ein Ort der totalen Verdichtung: Wand an Wand mit den lärmenden, oft kranken Internatsschülern, konfrontiert mit einem monumentalen Pensum aus wöchentlichen Kantatenaufführungen und im permanenten, zähen Konflikt mit den weltlichen Behörden der Universitätsstadt, die seinen künstlerischen Anspruch oft als „halsstarrig“ empfinden.

Doch die tiefste Erschütterung dieser Leipziger Jahre vollzieht sich nicht in den Ratssälen, sondern im privaten Refugium des Hauses. Wenn wir Bachs Leben philosophisch als den Versuch verstehen, durch musikalische Struktur der Vergänglichkeit zu trotzen, dann finden wir in Leipzig das radikalste Paradoxon dieser Haltung.

Aus seiner ersten, tragisch geendeten Ehe mit Maria Barbara brachte Bach vier überlebende Kinder mit nach Leipzig: Catharina Dorothea, Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Gottfried Bernhard. Drei Kinder hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits verloren. Mit seiner zweiten Frau, Anna Magdalena, die im Mai 1723 ein Säugling an der Hand hält, wird er in Leipzig zwölf weitere Kinder zeugen. Insgesamt beläuft sich die historische Bilanz auf zwanzig geborene Kinder – von denen exakt zehn im jüngsten Alter oder als Säuglinge sterben.

In den Jahren zwischen 1726 und 1733 – exakt in jener Phase, in der Bach die monumentale Architektur der Matthäus-Passion, die ersten großen Kantatenjahrgänge und die bahnbrechenden Teile der Clavierübung erschafft – sterben in der Kantorenwohnung nacheinander fünf seiner kleinen Kinder: Christian Gottlieb, Ernestus Andreas, Regina Johanna, Christiana Benedicta und Christiana Dorothea. Im Durchschnitt muss dieser Mann alle zwei bis drei Jahre einen kleinen Sarg aus dem Haus tragen.

Hier bricht sich die entscheidende philosophische Frage Bahn: Wie konnte ein Mensch, dessen Alltag eine permanente, traumatische Trauerarbeit war, eine Musik schreiben, die keine Spur von nihilistischer Verzweiflung in sich trägt? Wie entsteht die reinste, stabilste und trostreichste Ordnung der Kunstgeschichte inmitten eines existenziellen Trümmerfeldes?

Die Antwort liegt im Begriff des „gebauten Raums“. Für Bach war die kontrapunktische Struktur kein mathematisches Glasperlenspiel und keine bürgerliche Dekoration. Sie war ein metaphysischer Schutzwall. Je brüchiger, unberechenbarer und tödlicher sich die äußere Welt erwies, desto radikaler flüchtete er in die Gesetzmäßigkeit der Töne. In der Fuge, im Choral, in der strengen Symmetrie des Satzes errichtete er eine Gegenwirklichkeit. Es ist eine Welt, in der jede Dissonanz sich auflösen muss, in der jede Stimme einen unumstößlichen Sinn besitzt und in der das Chaos keine Macht hat.

In seinen letzten Lebensjahren zieht sich Bach folgerichtig immer weiter aus dem tagesaktuellen Leipziger Musikbetrieb zurück. Während sich der Zeitgeschmack längst dem galanten, leichteren, frühklassischen Stil zuwendet, blickt Bach über seine Epoche hinaus. In spekulativen Spätwerken von mathematischer Reinheit – wie der Kunst der Fuge, dem Musikalischen Opfer oder der h-Moll-Messe – sucht er die überzeitliche, kosmische Wahrheit der Musik. Als er am 28. Juli 1750, nach einer missglückten Augenoperation, erblindet stirbt, hinterlässt er ein Werk, das die Zeitgenossen als „gelehrt“, aber veraltet archivieren. Die barocke Form scheint an ihr Ende gelangt. Doch der Raum, den er gebaut hat, wartete im Verborgenen auf jene, die seine Fundamente freilegen sollten.


Die Zäsur der Musikgeschichte – Bach als Nullpunkt und Gesetz

Es gehört zu den bemerkenswertesten Phänomenen der Kulturgeschichte, dass wir die Zeitrechnung der Musik implizit in ein „Vor Bach“ und ein „Nach Bach“ unterteilen. Er ist nicht einfach ein historischer Komponist unter vielen; er ist der archimedische Punkt der Tonkunst geworden.

Diese historische Stellung lässt sich nur durch Parallelen zu den fundamentalen Umbrüchen des menschlichen Geistes begreifen:

Wie Sokrates die Philosophie aus dem Mythos in die rationale Selbstreflexion des Logos überführte, so befreite Bach die Musik aus der reinen Unverbindlichkeit des Klangs und erhob sie zum System einer objektiven Vernunft.

Wie Jesus von Nazareth durch seine Existenz eine neue ethische Zeitrechnung begründete, die die alte Welt unumkehrbar in ein Davor und Danach trennte, so setzte Bach einen ästhetischen Nullpunkt: Nach ihm konnte Musik nicht mehr harmloses Handwerk sein; sie war nun Trägerin transzendenter Wahrheit.

Wie Isaac Newton mit den Principia Mathematica die unsichtbaren Naturgesetze der Gravitation und Bewegung formulierte, so legte Bach die physikalischen und mathematischen Urgesetze der Tonalität und des Kontrapunkts offen. Im Wohltemperierten Clavier rechnete er das Tonsystem bis an seine Grenzen durch. Er hat die musikalischen Formen nicht bloß erfunden oder genutzt – er hat sie ausgeschöpft.

Nach Bach war es schlicht unmöglich, im alten System des barocken Kontrapunkts etwas Größeres zu schreiben. Die Musikgeschichte musste neu anfangen, weil Bach das Fundament bis auf den Grund ausgehoben hatte. Deswegen verstanden ihn die nachfolgenden Generationen nicht als Vergangenheit, sondern als Naturgesetz. Robert Schumann konstatierte tiefsinnig, Bachs Musik sei ihm das „täglich Brot“, das den Geist reinige, und Johannes Brahms forderte: „Studiert Bach, dort findet ihr alles.“ [7]


Das Echo der Unvergänglichkeit – Die Entdecker des Raums

Ein Raum, der auf ewigen Prinzipien ruht, kann nicht im Vergessen untergehen. Die Rezeptionsgeschichte Bachs ist kein musealer Vorgang, sondern ein phänomenologischer Erkenntnisprozess, getragen von Geistern, die Bachs Struktur jeweils als existentielles Rettungsboot in ihren eigenen Epochen begriffen haben.


Felix Mendelssohn Bartholdy: Der ethische Kompass

Als der junge Felix Mendelssohn Bartholdy am 11. März 1829 in Berlin die seit fast einem Jahrhundert vergessene Matthäus-Passion wiederaufführt, tut er dies inmitten der heraufziehenden Moderne. Die Romantik war geprägt von Industrialisierung, der Zersplitterung des Weltbildes und einer tiefen Krise der religiösen Gewissheiten. Mendelssohn – Enkel des Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn – erkennt in Bach den Gegenpol zum emotionalen und sozialen Chaos seiner Zeit. Für ihn wird Bach zum ethischen Kompass. Er begreift, dass Bachs Kontrapunkt keine mathematische Kälte besitzt, sondern die reinste Form einer geordneten inneren Bewegung ist. Mendelssohn holt Bach nicht aus historischer Nostalgie zurück, sondern um einer zerrissenen, säkularen Gesellschaft durch die monumentale Symmetrie dieser Musik wieder einen gemeinsamen, tragenden Boden zu geben. Felix Mendelssohn Bartholdy starb 1847 und weniger als ein Jahrhundert später fielen trotz seiner und vieler anderer Verdienste jüdischer Menschen um die Kultur in Deutschland, diese allesamt in Ungnade...


Albert Schweitzer: Der Musik-Poet und die Mystik

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zertrümmert der Philosoph, Theologe und spätere Tropenarzt Albert Schweitzer das Missverständnis des 19. Jahrhunderts, Bach sei ein „trockener Musik-Mathematiker“ gewesen. In seinem epochalen Werk „J. S. Bach“ (1905) weist Schweitzer nach, dass Bach ein genialer Musik-Poet war. Er decodiert Bachs Sprache und zeigt, dass sie auf einer präzisen Symbolik beruht – auf rhythmischen und melodischen Motiven, die theologische Begriffe wie das Fallen des Sündenfalls oder das Aufsteigen der Engel exakt abbilden. Für Schweitzer ist Bachs Musik gelebte Mystik an der Orgel: ein Akt, in dem die Unruhe des menschlichen Geistes in der Klarheit des Urtexts zur absoluten, metaphysischen Ruhe findet.


Glenn Gould: Die absolute, objektive Struktur

In der Mitte des 20. Jahrhunderts radikalisiert der kanadische Pianist Glenn Gould diese Suche nach der objektiven Wahrheit. Gould verweigert sich dem romantischen Pathos und sucht in Bach die totale Abwesenheit des Subjektiven. Indem er die Goldberg-Variationen fast ohne Pedal, extrem trocken und linear einspielt, legt er die nackte, mathematische Struktur der Partitur frei. Gould zieht sich schließlich komplett aus dem Konzertsaal in das sterile Aufnahmestudio zurück – eine zutiefst bachische Entscheidung: Im Studio eliminiert er den Zufall der fehlerhaften Außenwelt, um eine vollkommene, unzerstörbare Struktur zu errichten. Bei Gould wird Bach zum Beweis, dass Kunst eine kosmische Ordnung abbildet, die unabhängig von menschlicher Eitelkeit existiert.


Zuzana Růžičková: Die Ordnung gegen die Barbarei

Vielleicht am erschütterndsten offenbart sich die tragende Kraft des bachischen Raums im Leben der tschechischen Cembalistin Zuzana Růžičková. Als Überlebende der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen blickte sie in den absoluten Abgrund des menschlichen Nihilismus und der totalen Barbarei. Nach dem Krieg widmete sie ihr Leben der Weltersteinspielung des gesamten Clavierwerks von Bach auf dem Cembalo. Für Růžičková war Bach kein ästhetischer Luxus, sondern eine Überlebensnotwendigkeit. Sie formulierte es so, dass in Bachs Musik eine unerschütterliche, transzendente Gerechtigkeit waltet. Wo die Menschen bestialisch wurden und das Chaos regierte, garantierte Bach die Existenz einer höheren, moralischen Symmetrie. Seine Struktur wurde zum konkreten, geistigen Widerstand gegen die Vernichtung.


Helmuth Rilling: Die globale Institutionalisierung der Struktur,

Nach dem wunderbar organisierten Bachfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart, wo ich die Inspiration fand dieses Projekt zu starten, schließt sich unser Kreis auf der Trauerfeier zu Ehren des Gründers der Bachakademie, Helmuth Rilling. Rilling hat sein Leben im Endeffekt Bach gewidmet mit dem Ziel sicherzustellen, dass Bachs Werk zu keinem statischen Denkmal wird, sondern in eine weltweite, lebendige Bildungs- und Kulturarchitektur einfließt

Rilling, der als erster Dirigent alle geistlichen Kantaten Bachs einspielte, begriff diese Musik als eine Form der strukturierten, universalen Rede. In seinen legendären „Gesprächskonzerten“ legte er die theologische und architektonische Struktur der Werke vor dem Publikum offen, um sie intellektuell bewohnbar zu machen. Doch Rillings eigentliche Leistung liegt in der Globalisierung dieses Prinzips: Durch die Gründung der Bachakademie Stuttgart und die Initiierung von Bachakademien weltweit – von Santiago de Chile über Krakau und Budapest bis nach Tokio und Moskau – hat er bewiesen, dass Bachs Musik eine Universalsprache der Menschheit ist. Wenn junge Menschen unterschiedlichster Kulturen und Konfessionen zusammenkommen, um unter diesem Einfluss die h-Moll-Messe zu erarbeiten, solidarisieren sie sich nicht über politische Verträge, sondern über das gemeinsame Ausfüllen und Erleben einer ewigen, tragenden Vernunft. Auch Rillings Nachfolger Hans-Christoph Rademann ist sich dessen bewusst und akzentuiert heute bei seinen Konzerten mit der Gaechinger Kantorei und dem JSB, in meinen Augen in tiefer christlicher Liebe, dass junge Musikerinnen und Musiker aus über zwei dutzend verschiedenen Ländern und Kulturen miteinander musizieren. Was sagt uns das über das mögliche in unserer Welt?


Fazit: Das metaphysische Obdach

Johann Sebastian Bachs Leben begann im handwerklichen Dienst einer thüringischen Zunft und stand im permanenten, dunklen Schatten des frühen Kindstods, sowohl seiner Geschwister, als auch später seiner eigenen Kinder. Sein Leben endete in der Einsamkeit eines Mannes, dessen Spätwerk von der eigenen Epoche nicht mehr verstanden wurde.

Doch gerade weil er seine tiefen Verluste nicht in sentimentale Klage, sondern in die unzerstörbaren Gesetze einer kosmischen Kontrapunktik goss, hat er der Menschheit ein metaphysisches Obdach hinterlassen. Ob Mendelssohn in der Sinnkrise des 19. Jahrhunderts, Schweitzer auf der Suche nach der Mystik, Gould auf der Jagd nach Objektivität, Růžičková im Grauen von Auschwitz, Rilling in der globalen Vermittlung der Klangrede: Sie alle betreten denselben Raum.

Wer sich heute in Bachs Musik vertieft, flieht nicht vor der Realität. Er findet in ihr die tröstliche, unumstößliche Gewissheit, dass unter dem schmerzhaften Chaos und der Vergänglichkeit unseres Daseins eine tiefe, tragende und ewige Ordnung liegt. Eine Ordnung, die hält, weil ihr Urheber früh erfahren musste, dass das Leben selbst es nicht tut. Viele Wegen führen zu dieser Ordnung und der seelischen Entspannung, Bach hat in der Musik einen der schönsten aufgebaut.


Quellen und wissenschaftliche Bezüge:

[1] Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach: The Learned Musician. W. W. Norton, New York 2000, (Zu den Umständen der Leipziger Berufung).

[2] Bach-Archiv Leipzig: Dokumente zum Leben und Wirken Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, Kassel. (Zur Topographie der Alten Thomasschule).

[3] Martin Geck: Johann Sebastian Bach. Leben und Werk. Rowohlt, Reinbek 2000, (Zur familiären Chronologie und den Kindstoden).

[4] Klaus Eidam: Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach. Piper, München 1999

[5] Peter Williams: J. S. Bach: A Life in Music. Cambridge University Press, Cambridge 2007, (Zum Spätwerk und der Kunst der Fuge).

[6] Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Familie. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1984

[7] Michael Maul: Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche. Bärenreiter, Kassel 2015

[8] Peter Mercer-Taylor: The Life of Mendelssohn. Cambridge University Press, 2000 (Zur Wiederaufführung der Matthäus-Passion 1829).

[9] Zuzana Růžičková: Lebensfuge. Wie Bach mich vor Auschwitz rettete. Propyläen, Berlin 2019.

[10] Otto Friedrich: Glenn Gould. Eine Biographie. Bruno Cassirer, Oxford 1990.

[11] Albert Schweitzer: J. S. Bach. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1908.



Rassismus, Nationalismus, Migrantismus – was kommt als Nächstes und woher?

Wenn ich uns Menschen historisch betrachte, fällt mir immer wieder dieselbe merkwürdige Bewegung im öffentlichen Denken auf: Wir erzeugen Identitäten und Kategorien, und kurz darauf beginnen diese Identitäten und Kategorien sich zu politisieren und bestimmte Gruppen zu diskriminieren.

Zuerst dienen sie allerdings der Orientierung. Dann der Zugehörigkeit. Schließlich der Abgrenzung. Und nicht selten enden sie irgendwann in Verachtung, Angst oder Gewalt.

Einmal waren es Stämme. Dann Religionen. Dann Klassen. Dann Nationen und Rassen. Heute sprechen wir zunehmend von Migranten. Der Begriff scheint, wie einst der Begriff Rasse, in aller Munde zu sein. Morgen werden wir vielleicht von Menschen und künstlichen Intelligenzen oder von biologischen und technisch erweiterten Menschen sprechen.

Die Begriffe wechseln. Die Struktur jedoch bleibt erstaunlich ähnlich.

Als ich jünger war, dachte ich oft, rassistische Weltbilder seien einfach das Werk böser oder besonders dummer Menschen. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass dies zu einfach gedacht ist. Denn der Rassismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er entstand aus sehr menschlichen Bedürfnissen: aus Angst, aus Identitätssuche, aus Machtstreben, aus dem Wunsch nach Ordnung und Zugehörigkeit.

Biologisch ergibt Rassismus kaum Sinn. Wir gehören weitgehend derselben Spezies an, Unterschiede zwischen Menschen sind überwiegend phänotypischer Natur. Und selbst wenn die Unterschiede größer wären – was würde daraus folgen? Humanistische Ziele bestanden doch gerade immer darin, Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander zu verbinden.

Und dennoch war der Rassismus real. Nicht nur am Rand der Gesellschaft, sondern oft in ihrer Mitte. Ganze öffentliche Meinungen, Institutionen und Wissenschaften waren von ihm durchdrungen. Dann starben Millionen Menschen im Namen von Weltanschauungen, die behaupteten, Ordnung zu schaffen, während sie in Wahrheit Entmenschlichung organisierten. Dasselbe gilt für den Nationalismus.

Heute scheint sich erneut eine neue große Kategorie in unser Denken zu schieben: der „Migrant“. Ich sage bewusst nicht „der Mensch, der emigriert oder immigriert“, sondern vereinfacht „der Migrant“, wie es nun in aller Munde zu sein scheint, denn genau darin liegt bereits etwas Interessantes. Aus einer Bewegung wird langsam eine Identität. Aus einer zeitweiligen Handlung wird eine dauerhafte Zuschreibung.

Dabei waren letztlich fast alle Menschen irgendwann in Bewegung. Unsere Vorfahren wanderten, flohen, siedelten um, eroberten neue Gebiete oder wurden selbst verdrängt. Migration ist keine Ausnahme der Menschheitsgeschichte, sondern beinahe ihr Normalzustand.

Ebenso unklar erscheint mir die Gegenkategorie des Einheimischen. Ab wann ist jemand einheimisch? Nach zwanzig Jahren? Nach vier Generationen? Nach tausend Jahren? Und wenn man weit genug zurückgeht, waren nicht fast alle Menschen irgendwann fremd an dem Ort, an dem ihre Nachfahren später Wurzeln schlugen?

Dennoch gewinnen diese Begriffe zunehmend emotionale und politische Kraft. Und ich werde nachdenklich, denn ich selbst bin definitiv auch ein Nachfahre von sog. Migranten, wir alle sind es, aber ich fühle mich zugleich überall auf unserem Planeten Zuhause, empfinde, dass der Planet als solcher meine Heimat ist. Zu was macht mich das? Es macht mich auf jeden Fall zu einem Menschen, der keinen anderen als Fremd betrachten kann, denn wir leben ja alle gemeinsam auf diesem Planeten. Das scheinen jedoch viele Menschen wohl noch nicht wirklich verstanden zu haben. Natürlich verstehe ich, dass wir global betrachtet unterschiedlich entwickelte Gesellschaften haben, dass es große Bildungs- und Einkommensunterschiede gibt und dass wir Menschen keine Schmetterlinge sind, sondern eben oft Konflikte erzeugen und folglich oft auch Angst voreinander haben. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft kann ich verstehen, aber das Bedürfnis nach Abgrenzung und folglich oft auch Hass und Zerstörung, all dies bleibt für mich ein Mysterium.

Es ist jedoch wohl so, wenn wir die Geschichte betrachten, dass jede starke gesellschaftliche Kategorie früher oder später ihre Gegenbewegung erzeugt. So wie das Rassenweltbild irgendwann den Begriff des „Rassismus“ hervorbrachte den Menschen nutzten um sich von dem Rassistischen Weltbild und Rassisten zu distanzieren, so ähnlich brachte das Nationalweltbild den Begriff "Nationalismus", den Menschen nutzten um sich von dem Nationalistischen Weltbild und Nationalisten zu distanzieren. Nun frage ich mich ob aus dem heutigen starken Beharren auf „Migranten“ und dieser neuen ideologische Fixierung auf Herkunft und Bewegung als zentraler Kategorien des Menschseins, irgendwann vielleicht etwas entstehen wird, das man vielleicht „Migrantismus“ nennen wird? Werden Menschen dies nutzen um sich von dem Migrantischen Weltbild und "Migrantisten" zu distanzieren, wobei „Migrantisten“ jene heißen würden, die Menschen primär über ihren Migrationsstatus definieren – sei es positiv oder negativ? Ich weiß es nicht. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht sucht mein Geist nur erneut nach Mustern. Aber die Geschichte lehrt uns, dass Menschen erstaunlich kreativ darin sind, immer neue Trennlinien zu erschaffen. So sinne ich wohl oft über die einfache, fast kindliche Frage: Warum fällt es uns so schwer, miteinander zu leben, ohne einander ständig in Gruppen einzuteilen, gegeneinander aufzuwiegeln und schließlich zu hassen?