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Johannes und Paul - Demokratie zwischen Generationen


Johannes war siebenunddreißig, Ingenieur im kommunalen Versorgungsbetrieb, zuständig für Planung, Zahlen, Verantwortung. Einer von denen, über die man sagt: zuverlässig, sachlich, unauffällig anständig. Er war keiner, der laut sprach. Aber einer, der blieb, wenn es schwierig wurde.

Abends, wenn das Haus ruhiger wurde, saß er oft am Esstisch. Sein Sohn Paul, neun Jahre alt, hatte dann schon geschlafen. Manchmal hörte Johannes noch, wie er im Traum murmelte. Er stellte immer so viele Fragen und hatte zugleich ein großes Vertrauen in die Erwachsenen, dass sie alles richtig machen.

Genau diese Sicherheit war es, an die Johannes dachte.

Er wollte in den Gemeinderat.

Nicht aus Ehrgeiz.

Nicht aus Geltungssucht.

Sondern weil er seit Jahren sah, wie Entscheidungen getroffen wurden: über Schulen, Straßen, Wohnraum, Verkehr – oft ohne diejenigen, die morgens Brotdosen packten und abends Rechnungen prüften. Er sah Kurzsichtigkeit, Parteireflexe, Bequemlichkeit. Und er fragte sich, ob es nicht seine Pflicht sei, beizusteuern. Nicht zu klagen, sondern Verantwortung zu übernehmen.

Er dachte an Paul.

Immer wieder daran, wie sein Sohn ihm Fragen stellte: warum Dinge so seien, wie sie seien. Und wie selbstverständlich er davon ausging, dass Papa alles schon richtig machen würde.

Johannes wollte, dass das eines Tages stimmt.

Doch dann kam die Rechnung.

Er stellte sie nicht einmal bewusst auf. Sie stellte sich von selbst ein.

Was würde der Abteilungsleiter sagen?

Ob man ihn noch für „neutral“ hielte?

Ob man ihm zutraute, Projekte zu führen?

Ob man ihn nicht mehr einlud – nicht offiziell, sondern beiläufig?

Er kannte die Mechanismen. Keine offenen Drohungen. Nur Karrieren, die langsamer wurden. Türen, die nicht mehr ganz aufgingen.

Er hatte Verantwortung.

Er hatte Kinder.

Er hatte etwas zu verlieren.

Am nächsten Nachmittag traf er Milutin. Einen alten Freund aus Studientagen. Sie hatten sich lange nicht gesehen, aber manche Freundschaften sind so stark, man knüpft sofort an wo man sich zuletzt sah. Auch las Johannes immer wieder gerne, was Milutin geschrieben hat.

Milutin war bekannt. Politisch erfahren. Geistig sehr tief. Er war einer, der in Gremien gesessen hatte, verhandelt, gestritten, gewonnen und verloren hat. Einer, der viel hatte: Familie, vier Kinder, Anerkennung, Einfluss. Und der sich – wie er einmal gesagt hatte – auf das Böse spezialisiert hatte, philosophisch und politisch. Nicht aus Faszination, sondern aus Notwendigkeit: um das Böse in anderen zu erkennen, bevor sie es tarnen und um es in sich zu erkennen, bevor es sich ausbreitet. Er sagte oft, mit Angst fängt das Böse an.

Sie setzten sich auf eine Bank. Johannes erzählte. Von seiner Arbeit. Von den Kindern. Vom Gemeinderat. Von der Angst. Er versuchte, sie vernünftig klingen zu lassen.

Milutin hörte zu. Lange. Ohne zu unterbrechen.

Dann sagte er: „Du rechnest.“

Johannes nickte. „Ich muss.“

Milutin lächelte nicht. „Nein. Du glaubst, du musst.“

Er sah Johannes an, ruhig, fest.

„Weißt du, warum ich mich exponiert habe? Nicht, weil ich nichts hatte. Sondern weil ich alles hatte. Und dankbar war. Mut entsteht nicht aus Leere. Er entsteht aus Verantwortung.“

Johannes schwieg.

Milutin fuhr fort:
„Menschen sind gestorben für das Recht, sich einzumischen. Nicht metaphorisch. Wirklich. Damit Politik Bürgersache wird und bleibt – Sache aller Bürger. Das ist auch eine Republik - Res (Sache) publicas (Öffentlichkeit), die Politik ist Sache der Öffentlichkeit. In dem Moment, in dem ein Vater glaubt, er müsse Repressionen fürchten, weil er kandidiert, ist etwas Grundlegendes bereits korrumpiert.“

„Und wenn es passiert?“ fragte Johannes leise, „wenn sie mich bestrafen – subtil?“

Milutin’s Stimme blieb ruhig. „Dann verrät der, der bestraft. Und jeder, der das hinnimmt. Es gibt kein neutrales Terrain hier. Wer politische Teilhabe sanktioniert, spuckt auf die, die dafür gestorben sind. Und wer aus Angst verzichtet, lässt zu, dass ihr Opfer verwaltet wird – statt gelebt.“

Johannes dachte an Paul. Daran, wie er ihm einmal gesagt hatte: Man muss tun, was richtig ist, auch wenn es schwer ist.

Er dachte daran was Milutin oft gesagt und geschrieben hat "dass Kinder zuhören".

Als die beiden Freunde sich verabschiedeten, war nichts gelöst. Keine Garantie gegeben. Keine Sicherheit hergestellt.

Aber Johannes rechnete nicht mehr.

Am Abend saß er wieder am Tisch. Pauls Ranzen stand in der Ecke. Seine Zeichnung hing am Kühlschrank – ein Haus, schief, aber voller Farben.

Er schrieb seinen Namen unter die Erklärung.
Langsam. Lesbar. Seine Ehefrau Anna freute sich und unterstütze ihn. Sie war es, die ihm geraten hat Milutin aufzusuchen, als sie sah wie schwer er sich tat.

Johannes spürte immer noch Angst. Er hat aber verstanden, dass Angst kein Argument gegen Bürgerschaft ist.

Politik war keine Karriere.

Keine Bühne.

Keine Gefahr.

Sie war das, was blieb, wenn man dankbar genug war, Verantwortung nicht weiterzureichen.

Und Johannes wusste: Wenn er jetzt nicht ging, würde er eines Tages Paul erklären müssen, warum er es nicht getan hatte.

Das erschien ihm schwerer.